Wenn die Stadt mietet...

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Anette Brüderle, Hauseigentümerin auf der Steinstraße, nimmt die Diskussion um die einst schönste Straße in Emmerich gelassen hin.

Emmerich. Äußerst gelassen nimmt Anette Brüderle die neuerliche Diskussion um die Steinstraße hin. Der Geschäftsführerin der Spedition Lensing & Brockhausen gehört das Gebäude an der Hausnummer 15 – bekannt als „de wette Telder“, wo einst Maler Hein Driessen sein Atelier betrieb. Auch gegen sie richtete sich der allgemeine Vorwurf, dass sanierungsbedürftige Häuser an der Steinstraße verkommen. „Man kann aus dem Haus sicher etwas machen, aber es ist schwer zu vermarkten. Würde mir jemand ein funktionierendes Konzept vorlegen, würde ich sofort Geld in die Hand nehmen“, sagt Brüderle der NRZ. Sie sei allerdings nicht bereit kosmetische Maßnahmen durchzuführen. Sprich: ein reiner Anstrich von Außen, damit es hübsch aussieht. Das habe sie vor ein paar Jahren bereits getan. „Wenn ich saniere, dann richtig!“ Derzeit könnte das Haus allein aus Sicherheitsgründen nicht vermietet werden.

Selbst das böse Wort „Enteignung“, das im Stadtentwicklungsausschuss vergangene Woche im Zusammenhang mit einem möglichen öffentlichen Sanierungsgebiet Steinstraße in den Mund genommen wurde, lässt sie nicht erschrecken. „Wir werden abwarten und sehen“. Würde die Stadt das denkmalgeschützte Gebäude übernehmen, müsste sie die Sanierung ja selbst bezahlen. „Die Stadt ist ja so schrecklich reich“. Aber: „Vielleicht kann ich ja auch was für die Stadt tun“, meint Brüderle. Soll heißen: Die Unternehmerin könnte sanieren, die Stadt langfristig mieten. So müsste die Stadt nicht im großen Stile investieren.

Fehlt nur noch eine Idee für eine sinnvolle Nutzung. Die hätte Hein Günnewig, Betreiber des Lederwarengeschäfts Günnewig. Er nimmt die Stadt in die Pflicht und meint, sie könnte zum Beispiel die Touristeninfo an der Steinstraße ansiedeln. Das Infocenter Emmerich (ICE) an der Rheinpromenade lasse sich gut anders vermieten.

Ungeliebte Wettbüros

Dass es am Geld scheitern soll, dass Eigentümer an der Steinstraße nicht sanieren, kann Brüderle nicht nachvollziehen: „Wenn man ein gutes Konzept vorlegt, kriegt man doch derzeit bei den Banken gute Kredite“. Dazu ergänzt Albert Mosterts: Kredite gibt’s nur, wenn für die Hälfte der Immobilie Mieter bereit stehen. „Und Mieter fallen im Moment nicht vom Himmel“, so der Immobilienmakler. Wenn es Interessenten gebe, handele es sich um solche, die man sich nicht unbedingt wünsche. Wettbüros zum Beispiel.

Die Ladenlokale, die in Emmerich gefragt sind, müssten 300 bis 600 Quadratmeter groß sein, so Albert Mosterts. In der Steinstraße sind die Flächen 150 bis 200 Quadratmeter groß.

Auch Brüderle spielt den Ball an die Stadt zurück: Die Steinstraße sei einst die schönste Straße Emmerichs gewesen. Der Leerstand habe über die Jahre immer weiter zugenommen. „Andere haben wohl das selbe Problem wie ich. Die Stadt sollte sich mal fragen, warum das so ist.“

Ein Knackpunkt bei der Vermarktung vieler leerstehender, ehemalig Eigentümer-geführten Steinstraßen-Häuser ist bekanntlich folgender: Die Wohnungen über den Ladenlokalen sind nur über die Treppe im Ladenlokal erreichbar. Getrennt zu vermieten wäre also schwierig.

Architekt Michael Faulseit hat an seinem Gebäude Nummer 17-19 (Buchhandel Leselust) eine Treppe im Außenbereich installiert, um dieses Problem zu umgehen (die NRZ berichtete). Das kommt aber nicht überall in Frage. Es sollte ein Zugang zum Innenhof vorhanden sein. Über der Leselust sucht Faulseit noch Interessenten zur Vermietung von Büroräumen. Auch das Gebäude Hausnummer 17-19 hat Faulseit für den Eigentümer WGM (aus Berlin) saniert. Michael Reinders von Lohmann-Immobilien bemüht sich um die Vermarktung der Wohnungen oben sowie des Ladenlokals im Erdgeschoss.

Albert Mosterts sieht Hemmnis für Ansiedlungen

Faulseit begrüßt den Vorschlag, ein Sanierungsgebiet einzurichten. Klar, er hat schon saniert und würde sich freuen, wenn andere mitzögen. Außerdem wäre es über diesen Weg möglich, staatliche Fördermittel zu bekommen. „Es könnte steuerliche Vorteile bringen“, sagt Mosterts, der betont, es gehe bei der Errichtung eines öffentlichen Sanierungsgebiet nicht darum, den Eigentümern gegen das Schienbein zu treten.
Albert Mosterts nennt noch ein Ansiedlungshemmnis, das aus seiner Sicht die niederrheinischen Bürgermeister mal gemeinsam angehen könnten. „Bei Neuansiedlungen müssen Stellplätze geschaffen werden. Ist das nicht möglich sind sozusagen Strafzahlungen von 5700 Euro pro fehlendem Parkplatz an die Stadt fällig. Das ist die totale Blockade. Das macht die Innenstädte kaputt.“ Das Geld müsste, weil meist kein Raum für Parkplätze vorhanden sei, ohne Gegenleistung bezahlt werden. Das sei nicht zeitgemäß, findet Mosterts.

Initiative „Erfolg für Emmerich“: Gespräche mit den Hauseigentümern

Die von Dr. Wilhelm und Dr. Helga Kirchner ins Leben gerufene Initiative „Erfolg für Emmerich“ nimmt sich auch dem Thema Steinstraße an. Die drei Ziele für Emmerich lauten a) positiv über Emmerich sprechen b) Sicherheit und eben c) schönere Fassaden. „Viele Bürger sind verärgert. Das ist Image-schädigend für Emmerich“, sagt Dr. Helga Kirchner bezüglich des Zustands der Steinstraße. Deshalb habe die Initiative alle Eigentümer angeschrieben. Es sollen Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation ausgelotet werden. Auch mit Anette Brüderle habe sie bereits gesprochen. Beide Seiten bestätigen: ein positives Gespräch.

 
 

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