Sommerinterview mit dem Reeser Bürgermeister

Bürgermeister Christoph Gerwers (3, von links) beim ersten Spatenstich für das neue Stadtbad in Rees. Im Bild von linlks Werner Helmes (Leitender Schwimmmeister), Jakko Koenis (Geschäftsführer Architekturbüro) und rechts Hans Wolfgang Punessen (Geschäftsführer Stadtwerke Rees).
Bürgermeister Christoph Gerwers (3, von links) beim ersten Spatenstich für das neue Stadtbad in Rees. Im Bild von linlks Werner Helmes (Leitender Schwimmmeister), Jakko Koenis (Geschäftsführer Architekturbüro) und rechts Hans Wolfgang Punessen (Geschäftsführer Stadtwerke Rees).
Foto: WAZ FotoPool
Die NRZ bat Christoph Gerwers zu Themen wie lokale Wirtschaft, Bildung, Betuwe, Tourismus und Asyl Stellung zu nehmen. der 52-jährige Jurist hofft, am 13. September wiedergewählt zu werden.

Rees..  Die Stadtverwaltung Rees ist ein Dienstleistungsbetrieb mit knapp 150 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 38 Millionen Euro. An der Spitze steht er, Bürgermeister Christoph Gerwers. Dort will der 52 Jahre alte Jurist bleiben nach der Bürgermeisterwahl am 13. September. Die NRZ hat kurz vor seinem Urlaubsantritt mit ihm über seine Ziele, Pläne und Befindlichkeiten gesprochen.

Bürgermeister – ein Knochenjob oder ein Traumberuf?

Beides. Es gibt wunderschöne Momente, spontan fallen mir herzliche Begrüßungen von Menschen bei der Lebenshilfe ein, Schulabschluss-Feiern oder der tolle Blick, als wir bei der Rheinwoche hinter den Segelbooten her schipperten. Aber: Der Job ist anstrengend, es ist ständige Aufmerksamkeit gefordert und es werden ständig Entscheidungen abverlangt. Außerdem gibt es kaum freie Wochenenden. Und man wird als Bürgermeister für alles verantwortlich gemacht, selbst dann, wenn man kaum oder keinen Einfluss auf eine Entscheidung hat.

Hat Sie das schon mal so genervt, dass Sie der Gedanke gestreift hat, nicht wieder antreten zu wollten?

Nein, bislang nicht.

Haben Sie sich für die Wahl eine Zielmarke gesetzt? Wenn ja, welche?

Ich wünsche mir eine hohe Wahlbeteiligung, zumal diesmal Räte und Kreistag nicht gleichzeitig zur Wahl stehen. Freuen würde ich mich, wenn ich das Ergebnis der letzten Bürgermeisterwahl erreichen könnte: 54,85 Prozent.

Was sind die wichtigsten Vorhaben in der nächsten Legislaturperiode?

Die Entwicklung des Post- und Niag-Geländes. Hier sind wir auf einem guten Weg. Projektentwickler Andreas Hüls bereitet derzeit die konkreten Pläne vor, damit Flächennutzungs- und Bebauungsplan geändert werden können.

Und das Reeser Meer? Hoffen Sie noch auf eine große Lösung?

Nein. Wir haben zwar noch in diesem Jahr mit einem Interessenten verhandelt. Aber die Rahmenbedingungen wie etwa Umweltauflagen sind schwieriger geworden, zudem muss ein Investor schon im Vorfeld eine Menge Geld in die Hand nehmen, ohne zu wissen, ob er das Vorhaben wirklich umsetzen kann und wird. Ich gehe derzeit davon aus, dass wir in der nächsten Wahlperiode an einer kleinen Lösung mit Strandbad, Restaurant usw. arbeiten werden, so wie vor kurzem im Haupt- und Finanzausschuss skizziert.

Und natürlich Betuwe.

Ja. Hier gilt es, die Bereiche Sicherheit und Lärmschutz im Auge zu behalten. Wir wollen auf jeden Fall für die Ortskerne transparente Lärmschutzwände und es gilt darauf zu achten, dass wir für Millingen auch tatsächlich die nördliche Straßenführung der L 458 bekommen, so wie wir das gefordert haben.

Wie bleibt Rees attraktiv für junge Familien?

Ein ganz wichtiges Thema. Was wir brauchen ist bezahlbaren Wohnraum für junge Familien. In Haldern an der Bahnhofstraße entstehen jetzt ja acht bis zehn Grundstücke, aber wir müssen uns auch um Wohnraum in Rees selbst kümmern. Um attraktiv zu bleiben, müssen wir unsere Schulstandorte, wie jüngst in Mehr, aber auch die Tageseinrichtungen für Kinder sichern. Fallen diese Einrichtungen weg, siedeln sich in der Folge keine jungen Familien mehr an. Und kommen keine Kinder, müssen Schulen und Tageseinrichtungen geschlossen werden.

Apropos Schulen! In Rees hält man am dreigliedrigen Schulsystem fest. Hat das denn noch Zukunft in einer Schullandschaft, die sich landesweit in eine Zweigliedrigkeit wandelt?

Ja, denn das ist der Wunsch von Eltern, Lehrerschaft und Kindern. Das zeigen insbesondere die guten Anmeldezahlen für alle weiterführenden Schulen. Und: Die Schulen hier in Rees leisten gute Arbeit. Eines hat die Diskussion um die Sekundarschule aber gebracht: Die Reeser Schulen arbeiten jetzt noch enger zusammen, informieren beispielsweise die künftigen Fünftklässler in einer gemeinsamen Veranstaltung und sorgen für eine bessere Durchlässigkeit untereinander.

Reden wir vom Geld. Jüngst hat der Kämmerer mitgeteilt, dass die Gewerbesteuer nicht der erwarteten Zielvorgabe entspricht, zirka eine Mio. Euro unter den prognostizierten Gewerbesteuereinnahmen (von 5,4 Mio Euro) liegt.

Die Gründe kennen wir nicht. Möglicherweise waren die Prognosen des Landes im vergangenen Jahr zu optimistisch. In Rees sprudeln die Gewerbesteuern jedenfalls nicht so, wie in anderen Städten, die über mehr und größere Gewerbebetriebe verfügen.

Könnte das Minus mittelfristig eine Erhöhung der Gewerbesteuer nach sich ziehen?

Nein. Wenn das Land allerdings – wie angekündigt – die fiktiven Hebesätzen erhöht, müssen wir die Steuersätze ebenfalls anpassen. Für eine steuerschwache Stadt wie Rees ist ein solcher Schritt unumgänglich.

Gibt es aktuell Interessenten für die verbliebenen Gewerbeflächen?

Ja. Auch solche, die über das erste Interesse hinausgehen und somit vielversprechend sind. Mehr kann ich dazu aber derzeit noch nicht sagen.

Der Tourismus brummt auf jeden Fall.

Und wie! Wir zählen über 600 000 Tagestouristen jährlich und mehr als 55 000 Übernachtungen. Es gilt, weitere gastronomische Angebote zu schaffen. Am Pumpwerk soll ja ein Restaurant entstehen, das Bauschild ist bereits aufgestellt. Wir wollen die Stadt ständig weiterentwickeln, z.B. was das Thema Fahrradfreundlichkeit anbelangt oder beispielsweise auch einen noch besseren Service in der Tourismusinfo.

Dagegen drückt das Thema Asyl aufs Stadtsäckel.

Ja. Derzeit gibt es ja wieder Diskussionen um die Übernahme durch Land und Bund. Was uns nicht behagt, dass die Stadt zu 100 Prozent die Kosten für ausreisepflichtige Flüchtlinge in kommunalen Einrichtungen übernehmen muss, die aber nicht ausreisen wollen. Insgesamt müsste die Lastenverteilung wie etwa in Bayern aussehen, wo die Kommunen etwa nur 20 % der Kosten, das Land aber etwa 80 % der Kosten trägt. In NRW ist es genau umgekehrt. Ich halte es aber auch für wichtig, dass man die Kommunen nicht ganz aus der Kostenpflicht entlässt. Schließlich ist die Unterbringung und Betreuung der Flüchtlinge eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Aber sie sparen durch die neue Zentrale Unterbringungs-Einrichtung (ZUE) für Flüchtlinge. Hat die Stadt daher „Ja“ dazu gesagt?

Nicht deshalb. Die Frage nach geeigneten Räumen ist durch die Regierungspräsidentin über den Landrat in besonderer Dringlichkeit an uns herangetragen worden. Die Einrichtung am Groiner Kirchweg ist für 150 Flüchtlinge ausgelegt, die auf die kommunale Quote angerechnet werden. Das heißt: So lange die Quote mit den Flüchtlingen in der ZUE für die Stadt Rees erfüllt ist, brauchen wir keine weiteren Flüchtlinge in der Stadt aufzunehmen. Wenn man bedenkt, dass die Unterbringung und Betreuung eines Flüchtlings die Kommune pro Monat etwa 1000 Euro kostet, sparen wir sicher einen größeren Betrag ein. Bedenken sollte man aber auch, wie gut die Flüchtlinge am Groiner Kirchweg betreut werden. Einen Personalschlüssel, wie er dort angelegt ist, könnten wir als Kommune ja gar nicht finanzieren.

Was wünschen Sie sich für Rees in zehn Jahren?

Weiterhin funktionierende Schulen, eine gute Infrastruktur, endlich mal einen ausgeglichenen, vielleicht sogar strukturell ausgeglichenen Haushalt, so dass man die Stadt Rees ohne diesen enormen Kostendruck weiterentwickeln kann. Und 2025 feiern wir dann auch das zehnjährige Jubiläum des Hallenbads, das übrigens am 28. August eröffnet wird.

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