Schmerz und Glaube – Tagebucheinträge von Karl Leisner

Eine alte Fotografie von Karl Leisner.
Eine alte Fotografie von Karl Leisner.
Foto: WAZ FotoPool
Der selige Karl Leisner führte Tagebuch. Die NRZ hat nachgeschaut, was den Priester, der von den Nazis ins KZ Dachau deportiert wurde, an Ostern bewegte.

Rees..  1. April 1944. Noch immer tobt der Zweite Weltkrieg. Karl Leisner sitzt als Schutzhäftling Nr. 22356 im Konzentrationslager Dachau ein und schreibt an den Jesuitenpater Constantin Noppel in Freiburg im Breisgau: „Wie viele teure Kameraden haben uns inzwischen für immer verlassen?“ Dennoch schöpft Leisner aus dem Glauben Hoffnung, denn er schreibt weiter: „Aber nach der Karwoche leuchtet Ostern auf und aus der Karzeit wird die Osterzeit wachsen.“ Die NRZ hat in den schriftlichen Nachlass des seligen Leisner geschaut und dabei den Fokus auf das Osterfest gerichtet. Wie bekannt wird im kommenden Jahr der 100. Geburtstag von Karl Leisner gefeiert – auch in Rees, seinem Geburtstort.

Ein knappes Jahr zuvor schreibt Leisner an seine Familie, die in Kleve lebt: „Auf den Osterbrief werdet Ihr mit Schmerzen gewartet haben. Ich bekam ihn zurück, weil er der dritte im April sei. (...) Die Wünsche waren ja auch so schon bestellt, und vor allem gingen die Gedanken und heißen Herzenswünsche hin und her in der großen Gemeinschaft der Erlösten. Und das ist ja mehr als ein Brief, das ist das Leben selbst. Bei aller Lebensnot, in der wir alle im Krieg stehn, empfinden wir ja doppelt stark die tiefe Geborgenheit in den Händen des Vaters.“ Wie tief sein Glaube war, trotz Haft in Dachau, beweist auch der folgende Satz: „Ostern hab’ ich in echter innerlicher Freude erlebt mit Euch und allen Lieben daheim und in der Ferne verbunden.“ Auch zwei Jahre zuvor, am Ostersonntag 1941, sind die Gedanken an Ostern bei seiner Familie. „Die ‘Palmmössen (Palmvögel) und der Brief vom Klever Osterhas’ haben mich köstlich amüsiert“, steht im Brief aus Dachau. Vermutlich hatte Leisner einige aus Hefeteig gebackene Palmvögel in einem Osterpaket aus der Heimat bekommen.

„Eine seltsame Unruhe“

Aber wie viel mehr Lebensfreude leuchtet noch aus einem Brief an die Tanten Corry und Gerrit Paanakker in Nimwegen am Gründonnerstag 1939 auf? Es ist Leisners Zeit im Münsteraner Priesterseminar. „Aus dem schönen Münster frohe herzliche Grüße. In den Kar- und Ostertagen dürfen wir die herrlichen Dienste zum ersten Mal mitgestalten. Das ist sehr schön. – Frohes gnadenreiches Osterfest wünscht Euch Euer Karl.“

Es sind auch die Ostertage, in denen er seine Entscheidung, Priester zu werden, überdenkt. Karsamstag 1938 schreibt er in sein Tagebuch: „Eine seltsame Unruhe überfällt mich dabei, eine förmliche Angst und ein Gefühl des Nichtberufen- und -würdigseins. (...) Das reine Glück des Alleluja will nicht (wenigstens stimmungsmäßig nicht) in die Seele einziehen. Entsetzlich unglücklich komm’ ich mir vor – Ruhe, Ruhe! Alles getrost überdenken!“

1928 war Leisner noch ein unbeschwerter Jugendlicher

Die ganz frühen Eintragungen in sein Tagebuch – sie datieren von 1928 – sind die eines unbeschwerten Jugendlichen. Mit der Jungkreuzbund-Gruppe geht er auf Osterfahrt in die Eifel. Wie einfach damals das Lagerleben war, scheint durch alle Eintragungen hindurch. Es ist Ostersonntag, 8. April. „Der Morgen verging durch Singen, Spielen und in der Heide liegen. Zum Mittagessen gab’s Linsensuppe. (...) Nach der Andacht wurde erst zu Abend „Rissepapp“ (Milchsuppe mit Reis) gegessen.“ Am Abend zuvor hatte man vor einer überfüllten Jugendherberge gestanden. Der Herbergsvater gab einen letztlich hilfreichen Tipp, um aus der Misere herauszukommen. „Bei dessen Bruder konnten wir nach vielem Hin- und Hergeplänkel im Kuhstall schlafen. (...) Nachts schliefen wir 1a prima und lecker warm. Es gab Klätschkäse ... klätsch klätsch und Niagarafälle.“ Womit Leisner augenzwinkernd die Ausscheidungen der Kühe mit entsprechenden Geräuschen beschrieb.

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