Primizfeier in der Lagerkapelle

Die fünf Bände der Karl Leisner -Tagebücher und Briefe, eine Lebens-Chronik, herausgegeben von Hans-Karl Seeger und Gabriele Latzel.
Die fünf Bände der Karl Leisner -Tagebücher und Briefe, eine Lebens-Chronik, herausgegeben von Hans-Karl Seeger und Gabriele Latzel.
Foto: WAZ FotoPool
er gesamte schriftliche Nachlass von Karl Leisner (1915 - 1945) ist jetzt in einer fünfbändigen Chronik erschienen. Herausgeber sind Mitglieder des Internationalen Karl-Leisner-Kreises.

Rees..  Eisige Kälte herrscht am 26. Dezember 1944, dem Tag der Primizfeier von Karl Leisner. Wenige Tage zuvor ist er zum Priester geweiht worden, nun ist er erstmals Hauptzelebrant einer Heiligen Messe. Die Feier findet in der bis auf den letzten Platz besetzten Lagerkapelle des Konzentrationslagers Dachau statt. Für den gebürtigen Reeser wird an diesem Tag der lateinische Sinnspruch auf schmerzliche Weise Realität: „Sicut prima, sicut unica, sicut ultima.“ Ein Priester soll jede Heilige Messe feiern „wie seine erste, wie seine einzige, wie seine letzte“.

Fünfbändiges Werk

Karl Leisner, einziger Priester, der je in einem KZ die Priesterweihe empfing, wird nur diese einzige Messe zelebrieren. Der gesamte schriftliche Nachlass von Karl Leisner (1915-1945) ist jetzt in einem fünfbändigen Werk veröffentlicht worden. Herausgeber sind Hans-Karl Seeger, Priester und viele Jahre lang Präsident des Internationalen Karl-Leisner-Kreises (IKLK) sowie Gabriele Latzel, Oberstudienrätin a.D. und Mitglied im erweiterten IKLK-Präsidium.

Zu schwach ist Karl Leisner, als dass er sich noch einmal richtig erholt. Schon bei seiner Weihe gut eine Woche zuvor, hat er letzte Kräfte mobilisieren müssen, um diese Feier überhaupt durchzustehen. „Es gehörte schon erheblicher Starkmut dazu, dass Karl Leiser es mit seinem Zipfel Lunge, der noch funktionierte, wagte, das alles auf sich zu nehmen. Ich erinnere mich, dass bei seiner Priesterweihe die Fenster in seiner Nähe geöffnet sein mussten und wir einen gewissen Abstand von ihm zu halten hatten, damit er überhaupt Luft bekam“, wird sich der Benediktinermönch Martin Schiffer später an den 17. Dezember 1944 erinnern.

Nun also die Primizfeier gestern vor 70 Jahren. „Leisner musste von anderen Priestern gestützt werden, seine Kräfte waren verbraucht“, wird im Martyrerprozess der Zeitzeuge Josef Albinger aussagen. „Er las still. Das Harmonium, das ich spielen durfte, stand mit dem vierstimmigen Chor hinten in der Kapelle“, erinnert sich Benediktiner-Pater Gregor Schwake. Warum es nur eine stille Heilige Messe sein kann entgeht wohl niemandem, auch Kapuzinerpater Hugo Montwe nicht:„...da für ein Hochamt die Kraft nicht ausreichte“. Reinhold Friedrichs ist ebenfalls bei der Primiz anwesend, „bei der wohl kaum einer die Tränen unterdrücken konnte“

Sammelbrief an den Neupriester

Ohne um den Primiztermin zu wissen, feiern Karls Eltern, Amalie und Wilhelm Leisner, in St.- Mariä Himmelfahrt Rees, in Leisners Taufkirche, den Gottesdienst mit. Am 15. Januar 1945 schickt die Familie einen Sammelbrief an den Neupriester. „Du wirst das hohe Fest in größter Freude verbracht haben. Wir standen im Geiste mit um den Altar und beteten mit Dir“, schreibt sein Vater. Und ein paar Zeilen weiter: „Als ich nach den Feiertagen gefragt wurde, wie ich Weihnachten gefeiert hätte, sagte ich: Genauso schön, wenn nicht schöner als in früheren Jahren. Die nächtliche Überfahrt (von Niedermörmter) und die Mette in Rees in Deiner Taufkiche zu einer Zeit, wo du vielleicht Dein erstes heiliges Meßopfer darbrachtest.“

Die fünfbändige Ausgabe der „Tagebücher und Briefe .Eine Lebenschronik“ macht den schriftlichen Nachlass erstmals als Ganzes zugänglich. Die Aussagen von Zeitzeugen geben dem Buch einerseits dokumentarischen wie auch empathischen Wert.

Bei der Suche nach Personen, Orten und Begriffen hilft ein Registerband. Das Glossar bietet ferner eine Fülle von Informationen zu Leisners Lebensumfeld und die ihn prägenden Zeitumstände.

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