Operationen sind kein Kinderspiel

Emmerich..  Sie teilen sich das Zimmer. Skokirjon (11) aus Usbekistan, genannt Schocki, und Alijan (10) aus Afghanistan. Das Kinderzimmer hat die Nummer 269. In den Betten liegen unzählige Kuscheltiere. An einem kleinen Tisch spielen die Jungen Uno, eine motorische Herausforderung für sie. Deshalb stecken sie die Karten auch in eine Leiste. Mit diesem Hilfsmittel ist für sie das beliebte Kartenspiel leichter zu handhaben.

Junge Patienten, die auf der Station 2c des Willibrord-Spitals in Emmerich liegen, kommen aus Krisen- und Kriegsgebieten. Sie haben in ihren Heimatländern schwerste Verletzungen und Verstümmelungen erlitten, weil sie auf Bombensplitter oder Minen getreten sind oder durch Unachtsamkeit schwerste Verbrennungen davon getragen haben. Alijan etwa verbrannte sich den Körper bei der Explosion einer Karbid-Gaslampe. In Deutschland würde man diese Unfallopfer sofort in eine Spezialklinik für Verbrennungen fliegen. Doch in den meist unterentwickelten, unruhigen Regionen bleibt es oft bei einer notdürftigen oder völlig unzureichenden Erstbehandlung. Doch einige Kinder können vom Friedensdorf International in Oberhausen zur Weiterbehandlung und Rekonvaleszenz nach Deutschland geflogen werden. Dort werden die jungen Patienten dann, je nach Art ihrer Verletzung, auf die Fachabteilungen verschiedener Krankenhäuser verteilt. Dabei nimmt das Willibrord-Spital deutschlandweit seit langem schon die meisten Kinder auf.

Bereits seit 1997 behandelt Dr. Heinz Grunwald Kinder aus der Dritten Welt. Bis heute dürften es annähernd 150 sein. Seit 2001 wird der Chefarzt für Hand- und Unfallchirurgie tatkräftig unterstützt vom Förderkreis Kriegskinder. Auch dank der Mitgliedsbeiträge und Spenden dieses rund 200 Mitglieder zählenden Vereins konnte für rund 30 000 Euro das 23 Quadratmeter große Krankenzimmer kindgerecht umgebaut werden. Und ein hochmoderner Fixateur angeschafft werden, in den die Gliedmaßen eingespannt werden. „Wir werden von der Bevölkerung gut getragen“, freut sich Pressewart Ha-Jo Frücht. Ärzte und Pflegepersonal versorgen die Kinder unentgeltlich.

Verletzungen sind nicht alltäglich

Der Förderkreis trägt die Kosten für Medikamente und OP-Materialien. Auch die Personalkosten für eine Pflegekraft, die beim Willibrord-Spital angestellt ist, erstattet der rührige Förderkreis. „Das Krankenhaus ist kooperativ, es kommt uns in vielen Dingen entgegen“, betont Grunwald, der auch Förderkreis-Vorsitzender ist.

Die Operationen sind zum Teil aufwändig und langwierig. Da sind neben dem medizinischen Handwerkszeug auch Erfahrung, Kreativität und Fingerspitzengefühl gefragt: „Die Verletzungen sind ja nicht alltäglich“, weiß Grunwald, „man findet sie in keinem Lehrbuch. Solche Verbrennungen sind hier eher ungewöhnlich. Das ist schon höhere Schule“. Der 61-Jährige und seine Kollegin Dr. Heike van Kronenberg haben im Laufe der Jahre unzählige Gliedmaßen wiederhergestellt und Fehlbildungen gerichtet. „Die Operationen können bis zu zweieinhalb Stunden dauern“, berichtet Grunwald. Die Kinder bleiben einige Wochen in Emmerich, bis sie wieder nach Hause geflogen werden. Einige müssen nach einiger Zeit zu Nachoperationen zurück kommen. Das alles ist eine wahre Tortur für die kleinen Patienten, die sich dennoch in der fremden Umgebung schnell zurecht finden, offen sind und sich, wenn nötig, mit Händen und Füßen verständigen.

Die Kinder vermitteln fast einen fröhlichen und optimistischen Eindruck. So, als wüssten sie sehr genau, dass für sie in Emmerich die Weichen gestellt würden, damit sie sich später besser zurechtfinden.

Die Dankbarkeit und das Lächeln dieser Kinder motivieren das Fachärzteteam, mit ihrer ganzen Kompetenz und viel Herzblut weiterzumachen: „Wenn ich die Kinder sehe, weiß ich, warum ich einmal Medizin studiert habe“, sagt Grunwald. Hier könne er ohne jegliche finanzielle Zwänge helfen. „Ich bin ja ein alter Zausel“, fügt er lachend hinzu, „deshalb möchte ich meine Erfahrungen gerne weitergeben, damit es hier weitergeht“. Und das hat er bei Dr. Kronenberg schon geschafft. „Der Chef ist ein guter Lehrmeister“, sagt die Oberärztin und 2. Förderkreis-Vorsitzende, „alles, was ich von ihm gelernt habe, ist begeisternd“. Die Kriegskinder seien auch der Grund, warum sie in Emmerich geblieben sei, „sonst wäre ich längst weg“. Das sei für sie immer noch eine große Herausforderung: „Es ist faszinierend, mit welch einfachen Mitteln man doch helfen und etwas bewirken kann.“

Es zählte zu den glücklichsten Momenten im Berufsleben von Dr. Grunwald, als ihm eine ehemalige Patientin aus Tadschikistan, inzwischen eine erwachsene Frau, ein Polaroidfoto schickte, auf dem sie, ihr Mann und ihr Kind zu sehen sind. Sie hat inzwischen eine Apotheke. In dem Brief wünscht sie dem Doktor ein langes Leben und dass er noch vielen Kindern helfen möge.

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