Mit Wolle und Nadel gegen den IS-Terror stricken

Michael Ryberg
Cemal Kezer, Beyza Kassem und Ozan Demirli (von links) setzen sich für die kurdischen Flüchtlinge ein.
Cemal Kezer, Beyza Kassem und Ozan Demirli (von links) setzen sich für die kurdischen Flüchtlinge ein.
Foto: NRZ
Beyza Kassem wollte etwas für die notleidenden Flüchtlinge im Südosten der Türkei tun. Über Facebook rief die 30-Jährige zur Aktion „Mit Wolle und Nadel gegen den Terror“ auf. Unterstützt vom Jesidischen Kulturverein in Emmerich stricken über 100 Mitstreiterinnen warme Winterbekleidung.

Emmerich/Weeze. Die Idee entwickelte sich aus der allabendlichen Nascherei. „Wenn ich stricke“, erklärt Beyza Kassem lächelnd, „esse ich weniger Schokolade.“ Aus dem profanen Trick, den Kalorienkonsum vor dem Fernseher einzuschränken, ist eine echte Hilfe für Menschen in der Not geworden. Die Groß- und Einzelhandelskauffrau in Elternzeit hat über die Internet-Gruppe Facebook und in Zusammenarbeit mit dem Jesidischen Kulturverein in Emmerich ein Projekt gestartet. Titel: „Mit Wolle & Nadel gegen den Terror“.

„Wir wollen die Flüchtlinge im Grenzgebiet von Türkei, Syrien und Irak mit wärmender Kleidung versorgen, bevor der Winter so richtig beginnt“, bekräftigt die 30-jährige Türkin, die auch zahlreiche kurdische und jesidische Freunde hat. In der gebirgigen Region Südostanatoliens, in die sich Tausende vor der Terrormiliz Islamischer Staat geflüchtet haben, wird es eiskalt. Es gibt bereits Temperaturunterschiede von 30 Grad Celsius zwischen Mittag und Mitternacht.

Bis zu minus 20 Grad Celsius

Im Winter sinken die Temperaturen gern auf bis zu minus 20 Grad Celsius. Wer dann noch in kaum kälte-isolierten Zelten auf blankem Stein oder Geröll nächtigen muss, bekommt Probleme für Leib und Leben. Ob gehäkelt, gestrickt oder genäht, ob für Erwachsene, Kinder oder Babys, ob Mützen, Schals, Loops, Decken, Socken, Pullover, Pullunder, Mäntel oder Ponchos – alles ist gefragt, was wärmt.

Dazu braucht es eine Menge Wolle. Und eine gute Anzahl geschickter Hände. Beyza Kassem hat mittlerweile rund 200 Facebook-Mitstreiter(innen) gefunden. Es gibt (Wolle-)Spender, rund hundert Strickerinnen und auch 20 Näherinnen. Letztere kümmern sich vor allem um wärmende Mützen. Was gerade für die Frauen in den Flüchtlingslagern wichtig ist. In der dünnen Variante können Mützen unter Kopftüchern getragen werden. „Generell empfehlen wir lange Loops, die am Hals und Kopf bindbar sind“, so Kassem.

Flüchtlingen fehlt es an warmer Kleidung

Wie groß die Not ist und noch werden kann, wissen Cemal Kezer und Ozam Demirli vom Jesidischen Kulturverein aus eigener Erfahrung. Das Duo war vor wenigen Wochen im Grenzgebiet unterwegs, um Spendengelder aus Emmerich für humanitäre Hilfe direkt vor Ort einzusetzen. Im kurdischen Raum besuchten die Emmericher sechs der mittlerweile rund 30 Camps. Drehten vor Ort, teilweise mit versteckter Kamera, einen Film über die Situation der Flüchtlinge. Die außer ihrer spärlichen Kleidung größtenteils nichts mehr besitzen.

Dabei mangelt es vor Ort natürlich an fast allem. „Es gab Camps, da kamen zwei Herdplatten zum Kochen auf mehr als vierhundert Menschen. Da ist es schwer, satt zu werden“, erklärt Ozam Demirli. Über sein Laptop lässt er das Video der Sechs-Tage-Reise nebst 2500 Auto-Kilometern auf teilweise holprigen Schotterpisten laufen.

Bei der ersten Reise setzten die Emmericher rund 25 000 gespendete Euro ein. Mittlerweile sind es 40 000 Euro, die den Menschen vor Ort über den Jesidischen Kulturverein zugute gekommen sind. Das schließt Medikamente und Nahrung mit ein. Was sich üppig liest, ist schnell aufgebraucht. „Unsere Ladung vor Ort hat vielleicht eine Woche gehalten“, weiß Cemal Kezer. So lange der IS-Terror andauert, wird die Not nicht kleiner.

Erste Lieferung unterwegs in die Türkei

Das weiß auch Beyza Kassem. Sie strickt weiter. Wie ihre Mitstreiterinnen. „Wir wollen Liebe schenken. Mit Wolle“, bekräfigt die 30-Jährige. Und kämpft so im kleinen, aber doch bemerkenswerten Rahmen gegen eine gewisse Machtlosigkeit an, die sie nicht allein spürt. „So weiß ich allerdings“, sagt Kassem, „dass ich ein wenig helfe.“

Die erste Lieferung per Lastkraftwagen ins Krisengebiet ist bereits vor einer Woche gestartet. Nun wird bis zum 31. Oktober wieder warme Wollbekleidung erstellt und gesammelt. Um eine zweite Ladung in den Südosten der Türkei verschicken zu können.

Übrigens: HIlfe für notleidende Menschen kann es nie genug geben. Die Initiative „Mit Wolle & Nadel gegen den Terror“ sucht weiterhin Unterstützer. Wer Materialien beisteuern oder selbst zu den Stricknadeln greifen mag, der kann sich unter der Internet-Adresse www.facebook.com/wollnadel informieren. Auch das Jugendkomitee des Jesidischen Kulturvereins Emmerich stellt den Kontakt zu Beyza Kassem und ihren Helferinnen her. Und zwar per E-Mail unter jugendkomiteeemmerich@web.de.