„Krause hat zu viel gemacht“

Nicht zum Aushalten ist der Lärm am Bahnweg, an dem Familie Langanke wohnt, v.li. Manfred, Elisabeth, Paul und Iris Langanke. Gerade rollt wieder ein Güterzug an.      Foto: Dirk Schuster / WAZ FotoPool
Nicht zum Aushalten ist der Lärm am Bahnweg, an dem Familie Langanke wohnt, v.li. Manfred, Elisabeth, Paul und Iris Langanke. Gerade rollt wieder ein Güterzug an. Foto: Dirk Schuster / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool

Vrasselt.. Beim NRZ-Bürgerbarometer haben 74 Prozent der Befragten kritisiert, die Politiker täten zu wenig, um die Belastungen für die Menschen zu reduzieren. Die NRZ sah sich in Vrasselt am Bahnweg um.

Bevor sich die Halbschranke in Fahrtrichtung B 8 endlich wieder hebt, sackt sie noch einmal für einen Moment leicht ab. Es scheint, als ob sie sich bei den Verkehrsteilnehmern – sofern diese nicht dem nervenden Haltepunkt gleich ausgewichen sind – verbeugen, bedanken wollte. Und das tun die Schranken oft. Vor allem die Familie Langanke, die unmittelbar am Bahnübergang Broichstraße wohnt und eine Lkw-Spedition betreibt, kann ein Lied davon singen. Die Bahnlinie verläuft nur rund 50 Meter von ihrem Grundstück entfernt. 20 bis 30 Minuten vertrödeln die Brummifahrer jeden Tag vor den geschlossenen Schranken. „Das ist gravierend geworden“, sagt Manfred Langanke, „bei zwölf Fahrern sind das sechs Stunden am Tag“, macht der 42-Jährige eine teure Rechnung auf. Zeit ist Geld, die Kunden wollen just in time beliefert sein. Mutter Elisabeth Langanke (72) nimmt’s inzwischen mit Galgenhumor. Mit all der Zeit, die sie vor dem Bahnübergang verbracht habe, hätte sie locker einen Urlaub verleben können: „Da geht Zeit drauf.“

Gespräche enden abrupt

Die Langankes haben sich mit der Bahn irgendwie arrangiert, mit den Schließzeiten, dem Riss im Schlafzimmer und dem notgedrungenen Improvisieren im Betrieb, wenn die Bahn wieder mal eine Baustelle einrichtet. Auch mit dem Lärm. In Ruhe draußen auf der Terrasse sitzen ist nicht. Rollt ein Zug an, unterbrechen Manfred und Iris Langanke abrupt das Gespräch, und die Gäste wundern sich. Im Empfangsbüro der Spedition machen selbst bei geschlossenem Fenster die Güterzüge Krach. „Die bremsen hier immer ab; warum, wissen wir auch nicht“, wundert sich Senior Paul Langanke (78). Vielleicht habe das mit den neuen Signalen für die Blockverdichtung zu tun, die aber noch nicht funktioniere. „Alle sind genervt“, sagt Iris Langanke (43). Auch von Kleinigkeiten. Die Fernbedienung etwa muss ständig lauter und leiser gestellt werden.

Die Geräuschkulisse ist das eine, die Ladung der Waggons das andere. Und mit Ladung kennt sich die Speditionsfamilie aus. Lange Züge aus Gefahrgütern, Schwermetallen und wieder Gefahrgütern flößen Angst vor Entgleisungen ein: „Bei uns wäre das gar nicht zulässig“, sagt Manfred Langanke. Ein Bürgermeister in den Niederlanden könne Gefahrguttransporte auf der Bahn einfach stoppen, „das ist bei uns hier rechtlich anders“. Nächste bange Frage: Wie schnell sind die Bergungstrupps vor Ort? Weiteres Ärgernis: Die Dieselloks, die die Umwelt verpesteten: „Und wir müssen strenge Normen erfüllen“, pocht Langanke auf Gleichbehandlung.

Die Langankes da draußen fühlen sich mit ihren Sorgen und Nöten alleine gelassen, unzureichend informiert, nicht mit ins Boot genommen – vor allem von der Bahn. Zumal die hier Großes vor hat. Sie hat am grünen Tisch ein Unterführungsbauwerk geplant, das zwischen Friedhof und dem Langanke-Betrieb vorbeiläuft. Dafür müssten die Langankes Pferdekoppeln und einen schmalen Streifen hergeben. Gemütlicher wird’s nicht. Auch nicht durch das dritte Gleis, das auf ihrer Seite verlegt werden soll. 3. Gleis plus Lärmschutz - die Langankes haben da so ihre Zweifel.

Tun die Politiker zu wenig? „Krause hat zu viel gemacht, da liegt der Hase im Pfeffer“, sagt Manfred Langanke. Er meint die Vereinbarung, die der Bundesverkehrsminister mit seiner niederländischen Amtskollegin 1992 in Warnemünde geschlossen hat – die Geburtsstunde der Betuwelijn. Die ist zwischen Rotterdam und Zevenaar längst mit allem Zick und Zack realisiert, während deutscherseits nur Ängste und Proteste real sind.

Die Halbschranken gehen an der Broichstraße wieder herunter. Die nächsten bunten Güterzüge rattern vorbei. Warten.

 
 

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