„Jeder muss authentisch sein“

Bernd de Baey ist seit Mitte November 2014 Leitender Pfarrer der Seelsorgeeinheit St. Christophorus/St. Johannes der Täufer. Im Interview mit der NRZ zog er eine erste Bilanz.
Bernd de Baey ist seit Mitte November 2014 Leitender Pfarrer der Seelsorgeeinheit St. Christophorus/St. Johannes der Täufer. Im Interview mit der NRZ zog er eine erste Bilanz.
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Bernd de Baey ist seit gut 100 Tagen Stadt- und Landpfarrer in Emmerich. Im Interview mit der NRZ zieht er eine erste Bilanz.

Emmerich.  Seit gut 100 Tagen ist Bernd de Baey (50) Stadt- und Landpfarrer. Als er am 16. November 2014 in der St. Aldegundiskirche offiziell in sein Amt eingeführt wurde, fand er eine tief gespaltene Seelsorgeeinheit vor, das Gemeindeleben lag weithin brach. Im NRZ-Interview zieht er erste Bilanz.

Ihr Vorgänger war schon nach wenigen Wochen reif für die Insel. Und Sie?

Ich bin zwar schon auf einer Insel gewesen, aber noch nicht so auf der Kante gewesen, weil es hier so schrecklich wäre. Ich erlebe viel Wohlwollen und Verständnis für die Situation. Ich muss viele Leute vertrösten, dass noch nicht alles geht. Aber ich bin ja noch länger hier und werde Möglichkeiten finden. Wir haben ja als Team hier neu angefangen und sind noch in der Orientierungsphase. Und die wird auch noch länger dauern.

Wie haben Sie sich eingelebt?

Ich fühle mich in Emmerich sehr wohl. Ich bin gern hier, und was noch nicht ist, wird noch werden. Ich habe in den vielen Begegnungen auch viel Begeisterung gespürt, das hat mich gefreut.Das ist eine gute Basis, daran anzuknüpfen. Ich bin vor allem beeindruckt von dem großen sozialen Engagement, von Caritas, Mittagstisch, Vinzenzkonferenz usw. Da sind viele unterwegs für Flüchtlinge, Migranten. Es gibt auch viele arme Menschen hier. Das habe ich nicht gewusst. Insofern war der Runde Tisch zum Thema Asyl eine ganz wichtige Einladung und wichtige Initiative, die wir gerne unterstützen.

Ein pastorales Gremium soll bis zur Wahl des neuen Rates der Seelsorgeeinheit im November 2017 amtieren. Warum?

Die Statuten des Bistums sehen das vor, das ist kein Emmerich-Spezifikum, auch woanders gibt es Krisen. Ich war froh, darauf zurückgreifen zu können und habe den Kirchenausschüssen das so vorgeschlagen. Bei den Kirchenausschüssen herrschte allenthalben Erleichterung, dass es so eine praktikable Lösung gibt. Die fanden, das sei eine gute Sache.

Aber sind zwei Jahre bis Ende 2017 nicht arg lang?

Nein, denn noch wirkt ganz viel nach. Trauer, Verbitterung, auch Wut. Aber auch Erschrecken: Was haben wir da eigentlich gemacht? Da steht noch eine Menge an Versöhnungsarbeit aus. Das braucht noch viel Zeit und Geduld, aber der Wille ist da. Bis 2017 wird sich das noch ein Stückchen entspannt haben, so dass wir dann zielgenau wählöen können. Das heißt aber nicht, dass das Übergangsgremium nicht was erarbeiten kann und wir damit vorankommen. Ich habe der kritischen Gruppe und der anderen Gruppe eine fachlich neutrale, supervisionelle Begleitung von außen angeboten. Von der einen Gruppe kam das Signal, erstmal nicht, von der anderen Gruppe steht die Antwort noch aus. Ich werde mich aus dieser Begleitung total heraushalten. Wir sind nicht für die Verarbeitung der Vergangenheit da, sondern für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft. Aber mein Angebot steht weiter.

Haben Sie im Pfarrhaus was verändert?

Nein, das war vorher ja schon passiert. Dafür wird der schöne Garten, sonst selten in der Innenstadt, umgestaltet. Den kann man ganz gut nutzen, beispielsweise als Treffpunkt für die Gemeinde im Sommer nach Gottesdiensten. Und ich sehe gern Blumen und Pflanzen wachsen.

Ihr Vorgänger hat in kurzer Zeit viel verändert, nicht alles kam gut an. Wollen Sie einiges wieder korrigieren?

Nein, im ersten Jahr wird nichts geändert. Dann schaue ich, ob ich an der einen oder anderen Stellschraube drehe, nach intensiven Gesprächen mit allen Beteiligten. Aber das große Ganze bleibt so bestehen.

Kann die katholische Kirche etwas tun für die Unterbringung von Asylbewerbern?

Wir haben diskutiert, was aus dem Pfarrhaus in Praest wird. Die Stadt hat schon angefragt, und es gibt noch einen weiteren Interessenten für soziale Arbeit. Für beides ist das Pfarrhaus offenbar geeignet. Das ist das einzige Objekt. Unsere Pfarrheime eignen sich nicht zur Unterbringung.

Reicht das?

Es ist notwendig, dass wir ein Zeichen setzen für die Menschen, die hier zugewiesen werden. Es geht ja auch um Kinder und Jugendliche. Das ist unsere christliche Pflicht. Unterbringung ist das eine, Betreuung, Einrichtung, Sprachkurse das andere. Deshalb ist es gut, dass der runde Tisch, zu dem der Bürgermeister eingeladen hat, fortgesetzt wird. Wir sind froh, dass so viele genau hinschauen und Hilfe leisten. Da sind Koordinierung nötig und Leute, die den Überblick behalten und Dinge steuern können. Dazu braucht es eine entsprechende Organisation, eine Ehrenamtsbörse oder eine Freiwilligen-Agentur. Wichtig ist, dass hier schon eine ganze Menge passiert. Es beeindruckt mich sehr, wie sich Privatpersonen und Gruppen einbringen. Das spricht für die Bürgerschaft und die Kommune.

Ihr Vorgänger kam extrovertiert und dynamisch daher, auch in Gottesdiensten. Sie wirken eher zurückhaltend, ruhig. Niederrheinisches Naturell oder Kalkül?

Ich bin jemand, der sich das in Gelassenheit und Ruhe ansieht. Jeder muss authentisch sein. Karsten Weidisch, den ich schätze, ist auf seine Weise authentisch, und ich versuche das auch zu sein. Beides hat seine Berechtigung.

Sie stammen aus Rees, die Eltern wohnen noch dort. Sind Sie jetzt häufiger dort?

Ich versuche, einmal in der Woche nach Rees zu fahren. Das gelingt bisher auch ganz gut. Bisher kamen meine Eltern eher mal nach Westfalen, wir haben halt mehr telefoniert.

 
 

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