Gregor Hötzel hat eine Agentur für Hochsensible gegründet

Gregor Hötzel aus Emmerich ist Gründer einer Agentur für Hochsensible.
Gregor Hötzel aus Emmerich ist Gründer einer Agentur für Hochsensible.
Foto: NRZ
Der Eltener Gregor Hötzel hilft ehrenamtlich hochsensiblen Menschen. Und hat eine Agentur gegründet, die in Gesprächsrunden Betroffenen hilft. Jeder sechste Mensch in betroffen.

Emmerich..  Gregor Hötzel blickt zur Tür des Cafés. Das unterhaltsame Quartett am runden Tisch rechts des Ausgangs sorgt für die übliche schallende Geräuschkulisse. Nichts, worüber man auch nur einen Gedanken verschwenden würde. Oder doch? „Für mich“, betont der 45-jährige Eltener leicht unbehaglich, „ist das schon an der Grenze“. Der Produktionsleiter-Assistent beim Emmericher Unternehmen Kao Chemicals braucht Kraft, um sich auf das NRZ-Gespräch zu fokussieren. Und genau darüber spricht Hötzel. Der 1. Vorsitzende des Badminton-Sport-Clubs Emmerich zählt zu den Hochsensiblen. Einer Gruppe, die 15 bis 20 Prozent der Menschen (und auch der Tiere!) ausmacht. „Mein Kopf“, sagt Hötzel, „steht nie still.“

Bis zu dieser Erkenntnis dauerte es. Und zwar bis zum vergangenen Oktober. Da bekam der Familienvater das 1997 erschienene Buch der US-Psychologin Dr. Elaine Aron über „High sensitive persons“ in die Finger. Sein kleiner Adoptivsohn Jeremy hatte sich zuvor im Kindergarten als dreijähriger Frischling diverse Male aggressiv verhalten, wollte dazu alles selber machen. Die medizinischen Hinweise gingen von der Hyperaktivität weg zur Hochsensibilität.

Das bislang nicht nur in der Literatur, sondern auch von Hausärzten eher stiefmütterlich behandelte Thema öffnete Gregor Hötzel die Augen für das eigene Empfinden. „Im Buch von Elaine Aron habe ich mich komplett wiedergefunden.“ Dass etwas anders ist, wusste er schon seit der Kindheit. In den pädagogisch vorwiegend konservativen 70er-Jahren allerdings war Sensibilität nicht diskussionswürdig. Sondern eher verpönt.

Global geht es beim Thema um Reize und Sinne über Augen, Mund, Nase, Ohren, die Haut. Alles Erfasste wird im Hinterkopf gespeichert. Der Unterschied: Bei Sensiblen ist der Filter zu grob eingestellt. Beispielhafte Folge: Es ist schwer, einen Geräuschpegel auszublenden. Oder sich in einer Gruppe zu konzentrieren, die mehrstimmig diskutiert.

„Das führt über kurz oder lang zu einer Reizüberflutung. Irgendwann ist der Akku platt. Und man weiß nicht, warum das so ist“, sagt Hötzel. Hochsensible können gut zuhören, sich auch gut in andere Personen hineinversetzen, denken schnell, allerdings oft um die Ecke, sind kreativ, aber auch perfektionistisch. Deshalb selten zufrieden.

Hötzel hat sich lange dem Überangebot an Reizen entzogen. Innerlicher Stress durch die Reize führt schnell zu schlechter Laune, zu Aggressivität. Die Hutschnur ist nur wenige Zentimeter kurz. „Dann bin ich einfach vor die Tür, um meine Ruhe wieder zu finden.“

Hochsensibilität ist keine Krankheit. Sondern eine Erkenntnis, mit der man umzugehen weiß. „Mir geht es jetzt viel besser als vorher“, bekräftigt Hötzel. Und weil es nicht allzu viel Hilfe für Menschen gibt, die ähnlich empfinden, hat der Eltener ehrenamtlich die Agentur für Hochsensible im vergangenen Dezember aus der Taufe gehoben. Mit an Bord: Logopädin Jutta Hailfinger und die Wellnesstrainerin Heike Liske. Ziel ist es, Gleichgesinnten das Bewusstsein für die hohe Sensibilität zu verschaffen. In den monatlichen Gesprächskreisen machen davon derzeit 30 Gleichgesinnte Gebrauch.

Übrigens:

Kommenden Sonntag, 23. August, wird es für Interessierte einen Vortrag zum Thema geben. Und zwar ab 14 Uhr im Martiniheim, Martinikirchgang 7.

Alle Infos über die Agentur von Gregor Hötzel gibt es im Internet: www.agenturfürhochsensible.de. Die Adresse wird übrigens tatsächlich mit Umlaut geschrieben!

Wer feststellen möchte, ob er zu den Hochsensiblen im Land zählt, kann einen Fragebogen im Internet ausfüllen. Die Fragen zielen vor allem auf die Charaktereigenschaften ab. Der Test ist im Netz auf www.zartbesaitet.net zu finden.

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