Ganz viel Potenzial auf zwei Rädern

Von Marco Virgillito
Am Donnerstag, 15.04.2010, stellt die sci:moers gGmbh an der Radstation am Moerser Bahnhof das neue Niederrhein Rad vor. Das NiederrheinRad ist ein flexibles Verleihsystem und ein neues Tourismuskonzept. im Rahmen dieser Vorstellung wird das Rad von der Redaktion getestet. hier: Transport Container fürs Niederrheinrad .Foto: Volker Herold / WAZ FotoPool
Am Donnerstag, 15.04.2010, stellt die sci:moers gGmbh an der Radstation am Moerser Bahnhof das neue Niederrhein Rad vor. Das NiederrheinRad ist ein flexibles Verleihsystem und ein neues Tourismuskonzept. im Rahmen dieser Vorstellung wird das Rad von der Redaktion getestet. hier: Transport Container fürs Niederrheinrad .Foto: Volker Herold / WAZ FotoPool
Foto: Waz FotoPool
Die Städte haben die Chancen längst erkannt: Infocenter in Emmerich ist ein sehr erfolgreicher Verleihstandort. Rees glänzt durch Infrastruktur. Isselburg: die Hälfte der Besucher kommt per Fiets

Emmerich/Rees/Isselburg.  Wenn das platte Land für einen touristischen Sektor besonders geeignet ist, dann ist das der Radtourismus. „Fahrradfahren ist bei unseren Gästen das A und O“, unterstreicht Dr. Manon Loock-Braun, die Emmericher Tourismuschefin. Dabei muss Emmerich gar nicht großartig um Radfahrer werben. Der Rhein zieht! Dazu der spannende Eltenberg.

Rees kann auf dem Fahrradsektor geradezu glänzen. Die Stadt ist im Kreis Kleve die einzige anerkannte fahrradfreundliche Stadt als Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Städte NRW (seit 2008). Und der ADFC hat Rees ja erst kürzlich zur zweibeliebtesten Fahrradstadt in Deutschland gekürt. „Das zeigt, welch hohen Stellenwert das Radfahren in Rees hat“, sagt Georg Messing, Fahrradbeauftragter der Stadt Rees. Für Isselburg spielt der Radtourismus eine „enorm wichtige Rolle“, so Tina Schumacher von Isselburg Activ: „Mehr als die Hälfte aller Besucher erkundet Isselburg mit dem Rad.“

Best-Ager sind die Zielgruppe

Ein Wirtschaftsfaktor ist auch der Fahrradverleih. Beim Infocenter Emmerich (ICE) sind in der Regel zehn Fahrräder vorrätig. „Wir gehören einem Niederrhein-weit tätigem Pool an“, verrät Loock-Braun. Rees auch. Hier hält das Atlanta-Hotel täglich zehn Niederrhein-Räder vor. In einem internetgestütztem System stehen 1000 unverkennbar apfelgrüne Räder am Niederrhein insgesamt zur Verfügung („Das Niederrhein-Rad“). Das heißt, bei Bedarf können jederzeit weitere Räder angefordert werden. Ein Kurier ist täglich unterwegs (siehe Foto), um die Bestände anzupassen. Zugleich können die Kunden die Räder in anderen Städten auch wieder abgeben. Auf Vorbestellung können auch E-Bikes geordert werden.

Mit 203 verliehenen Rädern an 282 Tagen im Jahr 2012 ist das ICE in diesem Punkt die erfolgreichste Touristinfo am Niederrhein, so Loock-Braun. In Rees sind die Zahlen nicht so penibel erfasst. Während der Sommersaison sind die Fahrräder täglich alle verliehen, im Winter weniger, so dass im Schnitt die Räder zu 67 Prozent im Jahr verliehen sind, schildert Messing.

Isselburg ist an dem Netzwerk nicht beteiligt: „Unserer Erfahrung nach geht die Anfrage nach Leihrädern stark zurück, in den meisten Fällen besitzen die Gäste eigene hochwertige Räder, auch E-Bikes, und wollen unterwegs nicht auf den Komfort ihres bekannten Rades verzichten“, sagt Schumacher. Einige Hotels böten den Service von Leihrädern an, „ansonsten haben wir in der Vergangenheit auch oft mit dem großen Zweiradhändler Harm Takke im benachbarten Dinxperlo zusammengearbeitet.“ Diese liefere die Räder dahin, wo sie benötigt würden. Das habe sich bei großen Gruppen bewährt. Zudem gebe es in Isselburg den Fietsen Doc, der auch Räder vermiete.

Die Einnahmen, die Radtouristen einer Stadt bescheren, sind natürlich nicht exakt festzustellen. Aber es gibt Schätzungen: Es heißt, ein Radfahrer gibt am Niederrhein am Tag 25 Euro aus. Von mindestens 370 000 Tagesgästen, die Emmerich im Jahr hat (es könnten auch 500 000 sein), sind mindestens zehn Prozent Radtouristen. „20 bis 30 Prozent sind realistischer“, so Loock-Braun. Mal 25 Euro: Zwischen ein und drei Millionen Euro liegt also die Wirtschaftskraft der Radtouristen.

Rees kommt bei 600 000 Tagesgästen (Schätzung Natur- und Freizeitverbund Niederrhein aus 2010) auf 1,5 bis 4,5 Million Euro, je nachdem ob man zehn oder 30 Prozent zugrunde legt. „Es ist schwer messbar“, so Messing, „wir merken es etwa am Fährbetrieb. Früher öffnete der nur freitags, samstags und sonntags. Inzwischen auch mittwochs und in den Ferien an sechs Tagen pro Woche“. Tina Schumacher tut sich schwer, mit Zahlen zu spekulieren. Sie schätzt das Potenzial Isselburgs ähnlich wie in Rees ein.

„Zunehmend werden Routen speziell für E-Bikes entwickelt. Die haben ja auch andere Anforderungen. Die Teilnehmer können weiter fahren. Größere Distanzen sind da auch für Älteren, und die sogenannten Best-Ager sind die Hauptzielgruppe, kein Problem“, meint Dr. Manon Loock-Braun.

Zwei Liniendienste bescheren der Region auch Radtouristen: Zum einen das Fahrgastschiff „Stadt Rees“, das mittwochs zwischen Xanten und Emmerich mit Station in Rees pendele; zum anderen der Fietsenbus von Rees nach Bocholt mit Station in Isselburg. „Beides wird gut angenommen“, versichert Georg Messing.

Sonderfall Niederländer

Was das Radfahren angeht, sind die Niederländer ein Sonderfall: „Da gibt es ganz andere Anforderungen“, sagt Dr. Manon Loock-Braun, die Emmericher Tourismuschefin. Emmerich-Hüthum-Eltenberg-Stokkum-’s-Heerenberg-Klein-Netterden-Emmerich – so könnte die Route für einen Deutschen aussehen, wenn er sich aufs Rad schwingt. Der Niederländer nimmt einen Papierbügel zur Hand, auf den er Nummern schreibt. Die Nummern von Knotenpunkten („Knooppunt“), die per Beschilderung ausgewiesen werden. Im Nachbarland gibt es ein flächendeckendes Netz an Punkten. Meistens handelt es sich um markante Kreuzungen. „Ohne Knotenpunkte geht bei den Holländern gar nichts“, versichert die erfahrene Tourismuschefin.

So sehen die Bändchen aus, auf die man Knotenpunkte einträgt. Foto: DIANA ROOS Emmerich ist dabei, Anholt auch

Emmerich und Kleve haben investiert und entsprechende Knotenpunkte eingerichtet. Die Rheinpromenade 27, Sitz des ICE, ist zum Beispiel Knotenpunkt 1.

Teile Isselburgs (zum Beispiel Anholt) haben die beliebten Punkte auch, hier war es eine niederländische Organisation, die aktiv geworden ist. „Von unserer Seite her würde nichts gegen eine weitere Ergänzung der Knotenpunkte sprechen, aber soweit ich weiß, spricht sich unser bereits länger angewandtes System ,Radverkehrsnetz NRW’ gegen eine weitere Beschilderung aus“, schildert Tina Schumacher von Isselburg Activ.

Für Rees sind Nummern-Bändchen derzeit noch kein Thema, sagt der Fahrradbeauftragte der Stadt, Georg Messing. Die Stadt habe vor nicht allzu langer Zeit sich dem NRW-Radwegenetz angeschlossen und entsprechend die Beschilderung angepasst.

Die Stadt Rees setzt hier mehr auf die moderne Technik. 15 Radrouten können nämlich digital abgerufen werden – für das Navigationsgerät oder für das Smartphone, schildert Georg Messing: „Da ist man völlig frei von jeglicher Beschilderung. Das ist eine zukunftsweisende Technik.“

E-Bike-Ladestationen im Überblick

Alle Städte im Kreis Kleve haben inzwischen mindestens eine E-Bike-Ladestation. In Emmerich befindet sich diese am ICE. Rees hat gleich zehn offizielle Stationen: am Atlanta Hotel sowie am Markt in Rees, beim Doppeladler, Bauerncafé Drostenhof, Hotel Lindenhof, Strandhaus Sonsfeld in Haldern, Strandcafé Millinger Meer und Landcafé Fischer in Millingen sowie Zum reisenden Mann und Zum Hirsch in Mehr. „Inoffiziell gibt es weitere Möglichkeiten. Viele Gastwirte ermöglichen ihren Kunden das Aufladen“, so Messing. Darauf weistauch Tina Schumacher für Isselburg hin. Die offiziellen Stationen sind am alten Rathaus Anholt, am Marktplatz/Rathaus in Isselburg, am Ehrenmal Millinger Straße in Heelden und an der Mühle Werth.