Erinnerungen an Jürgen Ponto

Gustav Schaeling war der persönliche Mitarbeiter von Jürgen Ponto. Er hat Informationen zur Biografie geliefert.
Gustav Schaeling war der persönliche Mitarbeiter von Jürgen Ponto. Er hat Informationen zur Biografie geliefert.
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Gustav Schaeling war der persönliche Mitarbeiter von Jürgen Ponto bis zu dessen Ermordung. Zur neu erschienenen Biografie hat Gustav Schaeling Details beigesteuert.

Rees..  Als die gerade erschienene Biografie „Jürgen Ponto – Bankier und Bürger“ erstmals einem erlesenen Kreis in Frankfurt vorgestellt wurde, gehört Gustav Schaeling zu den geladenen Gästen. Wenn der Reeser und ehemalige Bankdirektor der Dresdener Bank in Wiesbaden in seinem Haus am Mühlenturm aus jenen Jahren erzählt, hängen die Besucher an seinen Lippen. Denn es ist gelebte Geschichte, die Gustav Schaeling erzählt. Schließlich war er einer der letzten, die mit Jürgen Ponto sprachen, wenige Stunden bevor er von RAF-Mitgliedern in seinem Haus in Oberursel am 30. Juli 1977 ermordet wurde.

Die Autoren der Biografie hatten im vergangenen Jahr Kontakt zu Schaeling aufgenommen. „Meiner Meinung nach ist es viel zu spät für diese Biografie. Junge Leute kennen Ponto gar nicht“, wunderte sich Schaeling über das späte Interesse. Fakt ist jedoch, dass es nur wenige Publikationen gibt, die sich mit der Verflechtung von Banken, Wirtschaft und Politik in den 70er Jahren beschäftigen. Dass Ponto ein liebenswerter, außergewöhnlicher Mensch war, wird in der Biografie deutlich. Schaeling, der in dem Jahr der Ermordung als Bankdirektor der persönliche Assistent von Ponto war, sind viele Details in Erinnerung geblieben. Auf Burg Crass in Eltville, die Schaeling seinerzeit hat wiederaufbauen lassen, traf er sich mit den Autoren Ralf Ahrens und Johannes Bähr.

Dringender Anruf aus Frankfurt

Gustav Schaeling hatte Jürgen Ponto kennengelernt, bevor er als Bankdirektor nach Chicago reiste. Fünf Jahre sollte er dort die Geschicke der Bank managen. „In dieser Zeit besuchte mich Ponto, der Amerika affin war und in Seattle studiert hatte, viermal.“ Schaeling wohnte in einer 280 qm großen Wohnung im 32. Stock außerhalb der Stadt. „Ponto war begeistert von meiner Wohnung und dem Panoramablick, den man auf die höchsten Hochhäuser der Welt und den Lake Michigan hatte.“ Es muss aber eine andere Begebenheit gewesen sein, die Ponto veranlasste, den Reeser zum persönlichen Mitarbeiter zu ernennen. Bei einem Besuch in Chicago schlug Schaeling Ponto vor, anstelle des anberaumten Mittagessens doch das Roockery Building zu besuchen. Dort nämlich gab es im hölzernen Treppenhaus jeden Mittag ein Kammerkonzert. Passanten, Bewohner oder Mitarbeiter aus der Nachbarschaft saßen auf Treppenstufen und genossen die Musik. So auch Ponto, der sichtlich ergriffen war. „Er war ein höchst musischer Mensch, seine Frau war Pianistin.“

Und so kam es, dass Gustav Schaeling im Jahr 1976 bei dem Besuch eines Fabrikanten in Milwaukee einen dringenden Anruf erhielt. „Es war mir furchtbar unangenehm, ans Telefon gerufen zu werden. Umso erstaunter war ich, dass es Ponto persönlich war, der eine sofortige Antwort von mir erwartete: ‘Wollen Sie zurück nach Frankfurt kommen und mein persönlicher Assistent werden?’ Ich sagte freudig zu.“ Und so war es Schaeling, der die berufliche Korrespondenz des Vorstandes der Dresdner Bank führte. „Meine erste Aufgabe war es, einen zehnseitigen Brief, den Ponto an den südafrikanischen Staatspräsidenten verfasst hatte, zu redigieren. Heute ist das Weltgeschichte.“ Diese Arbeit gefiel Schaeling, der als Abiturient Journalist werden wollte.

Er begleitete Ponto zum Wagen

Am Tag der Ermordung arbeitete Schaeling, es war ein Samstag, bis 13 Uhr mit Ponto zusammen und begleitete ihn zu seinem Wagen. Ponto verabschiedete sich herzlich: „Ich bin mit Ihrer Arbeit sehr zufrieden. Wenn ich aus Südamerika zurückkomme, möchte ich Sie gerne zu mir nach Hause einladen.“

Dazu kam es bekanntlich nicht mehr. Wenige Stunden später erreichte die Nachricht über die Ermordung Pontos Schaeling, der inzwischen zurück an den Niederrhein gefahren war. Noch am gleichen Tag kehrte er zurück nach Frankfurt. Nun galt es, das Büro Pontos weiterzuführen und die Trauerfeierlichkeiten mit zu organisieren. „Wer an dieser Trauerfeier teilnahm, gehörte zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Republik.“ Manche bettelten regelrecht, dazu eingeladen zu werden. Den Dankesbrief, den Pontos Ehefrau Ignes ihm damals schrieb, hat Schaeling bis heute aufbewahrt.

In der Biografie wird auch Gustav Schaeling gedankt, der mit Einzelheiten half, das Bild dieses großen Mannes zu komplettieren. So hoffen all jene, die gebannt Schaelings Erzählungen folgen, dass auch er einmal sein Leben niederschreibt.

Jürgen Ponto war in den 70er Jahren einer der bedeutendsten Bankiers der Bundesrepublik und Berater des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Ponto wäre in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden.


Die Autoren der neu erschienenen Biografie, Ralf Ahrens und Johannes Bähr, zeigen seine Lebenswelt und sein berufliches Umfeld, die Spitze der Wirtschaft im Angesicht von Umbruch und Krise, auf. Pontos exponierte Stellung in Wirtschaft und Gesellschaft ließ ihn zum Ziel des Anschlags der RAF-Terroristen der RAF werden.

Die Erich-Gutmann-Gesellschaft, die die Geschichte der Dresdener Bank aufarbeitet und jetzt dem Archiv der Commerzbank angegliedert ist, war Auftraggeber der Biografie: Ralf Ahrens/Johannes Bähr: Jürgen Ponto - Bankier und Bürger, C.H.Beck Verlag, ISBN 978-3-406-65581-4.

 
 

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