Dr. Schneider erklärte das Hungertuch

Das berühmte Schrottkreuz Waldemar Kuhns wurde in der Fastenzeit von Uta Meenen mit weißen Leinwahnbahnen verhüllt. Das ruft durchaus unterschiedliche Reaktionen hervor.
Das berühmte Schrottkreuz Waldemar Kuhns wurde in der Fastenzeit von Uta Meenen mit weißen Leinwahnbahnen verhüllt. Das ruft durchaus unterschiedliche Reaktionen hervor.
Foto: FUNKE Foto Services
Statt Predigt: Pfarrer erläuterte im Gottesdienst, warum die Verhüllung des berühmten Schrottkreuzes in der Heilig-Geist-Kirche durchaus Sinn macht.

Leegmeer.  Die Predigt fiel gestern aus in der Heilig-Geist-Kirche, in der seit Aschermittwoch das berühmte „Schrottkreuz“ verhüllt ist. Die Verhüllung hat unterschiedliche Reaktionen hervor gerufen. Deshalb erläuterte Pfarrer emeritus Dr. Jan Heiner Schneider den zahlreich erschienenen Gläubigen einmal seine Gedanken zum „Hungertuch“ aus religiöser und kunsthistorischer Perspektive.

Hungertücher, auch Fastentücher genannt, gibt es seit dem 11. Jahrhundert. Sie verhängten früherer ganze Altarräume. „In der Fastenzeit sollten der Altar und der Altarraum mit ihren vielen schönen Kunstwerken wie Fresken, Mosaiken und Schnitzereien dem Blick der Menschen entzogen werden“, erläuterte Schneider, „denn wenn ich etwas nicht mehr sehe, merke ich, dass mir etwas fehlt“.

Das neue Hungertuch beeindrucke durch seine Ausmaße und seine Gestaltung. Anders als die früheren Hungertücher nehme es jedoch nicht die Sicht auf die Altäre und hindere nicht an der Teilnahme am liturgischen Geschehen. „Ist es von der Künstlerin Uta Meenen gewollt, das Kreuz zu verstecken?“ stellte Schneider als Frage in den Raum. Müsste nicht das Kreuz, das Leid darstellt, gerade in der Fasten- und Passionszeit wegen seiner starken Assoziationen zu Krieg, Holocaust, Leid und Unglück erst recht sichtbar sein?

Und lieferte anschließend sofort die Gründe, die seiner Meinung nach für ein Verhüllen sprächen: „Wir müssen wieder sehen lernen“, so Schneider. Die Emmericher hätten sich so an den Anblick des Schrottkreuzes gewöhnt, „dass wir seine Provokation, seine Aussage und verstörende Wirkung nicht mehr wahrnehmen.“ Die Hungertuch-Installation entziehe das Kreuz den Blicken. „Das lässt uns feststellen, ob wir es vermissen und ob es uns wichtig ist - oder eben nicht“, fasste Schneider zusammen.

Auch aus sozialer und psychologischer Sicht habe Verhüllen eine besondere Bedeutung. „Wir überreichen eingepackte Geschenke, ummanteln Wertvolles“, führte Schneider an. Verhüllung diene dazu, dass Menschen und Gegenstände wieder wertgeschätzt würden. Das Schrottkreuz, an dem der Korpus fehle, sei nicht nur ein Dokument des Leidens Christi und der Menschheit, sondern stehe auch für den christlichen Auferstehungsglauben.

Ein Symbol für das Helle, das Licht und das Transzendente sei die Farbe Weiß des Hungertuches, die den Beginn von etwas Neuem proklamiere: „Das Hungertuch wird zur Projektionsfläche für unsere Wünsche und Hoffnungen“. Schneider schloss: „Es passt sehr sensibel zum Kirchenraum und nimmt die Strukturen der Fenster, der Decke und des Altarraumes sehr stimmig auf.“

 
 

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