Die verschwundenen Malereien von Martini

Pastor Paul Seesing besitzt noch alte Gemälde, auf denen zu erkennen ist, wie die Stiftskirche früher ausgesehen haben könnte.
Pastor Paul Seesing besitzt noch alte Gemälde, auf denen zu erkennen ist, wie die Stiftskirche früher ausgesehen haben könnte.
Foto: WAZ FotoPool
Die Stiftskirche St. Martini war seit der Romanik bunt ausgemalt. Nur noch auf einigen Kopien sind die Fresken zu sehen.

Emmerich..  Schade, dass sie weg sind. Sagt der emeritierte Pfarrer Paul Seesing. Und trauert den romanischen Malereien nach, die einmal den ganzen Innenraum von St. Martini geschmückt haben dürften. Einige Emmericher wollen Bruchstücke der ausdrucksstarken Fresken sogar noch nach dem Zweiten Weltkrieg mit eigenen Augen gesehen haben. Die kümmerlichen Reste der prachtvollen Ausmalung sind im Lauf der Zeit den diversen Umbauten, Rheinverlagerungen und Witterungseinflüssen zum Opfer gefallen beziehungsweise übermalt worden und mussten dem aktuellen Kunstgeschmack weichen.

Wäre da nicht jener mit hoffentlich mehr zeichnerischem Talent als Phantasie begabte Denkmalpfleger gewesen, der um 1900 herum die Fragmente der Monumentalmalereien auf Karton farbig abmalte, dann hätten wir wohl höchstens nur noch vage Vorstellung davon, wie diese großflächigen, auf nassen Putz aufgetragenen Fresken in der Stiftskirche einmal ausgesehen haben könnten, vor denen über Jahrhunderte hinweg das gläubige Volk innehielt. Besonders den Analphabeten wurde das biblische Geschehen auf diese Weise anschaulich vor Augen geführt. Paul Seesing bewahrt noch zwei der auf Karton abgemalten Motive auf. Sie stellen einmal die Szene dar, als Jesus vor Pilatus steht. Die Juden sind an ihren spitzen Hüten zu erkennen. Ein weiteres Bild hält die Höllenfahrt Christi nach seiner Kreuzigung fest. In der Vorhölle sind Adam und Eva und ein weißbärtiger Mann zu erkennen, vermutlich Abraham; aus dem Höllentor züngeln Flammen empor.

Der Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Paul Clemen, seit 1896 Provinzialkonservator der Rheinprovinz, berichtet noch von einem weiteren, dürftig erhaltenen Wandgemälde oberhalb der Reihe. Vermutlich handelte es sich um die Auferweckung des Lazarus, der aus seinem Grab herausschreitet - das Gegenstück zur Höllenfahrt, und Seesing weiß noch von einer Verkündigungsszene zu berichten. Alles nicht mehr sichtbar.

Die Malereien befanden sich in einer Seitenkapelle der Krypta beziehungsweise in der unteren Sakristei, die laut Seesing um 1906 herum neu gebaut wurde, wodurch die Wandgemälde verschwunden sein dürften. Clemen beklagte sich 1916 bitterlich darüber, dass „die ganze obere Partie“ der in der nördlichsten Kapelle gefundenen Wandmalereien „barbarisch“ zerstört worden sei, und zwar „durch das Einziehen eines Stichkappengewölbes auf Eisenträgern zur Befestigung des Fußbodens der darüber gelegenen Sakristei“.

Wie alt die Wandmalereien sind, darauf will Seesing sich nicht explizit festlegen. Schon Clemen tat sich mit der Datierung und Einordnung schwer: „Diese Emmericher Gemälde stehen in ihren Stilcharakter isoliert wie in ihrer Farbengebung. Man wird sich begnügen müssen, vorab ganz allgemein sie gegen die Mitte des 12. Jahrhunderts anzusetzen.“ Die romanischen Malereien sind also auf jeden Fall einzigartig.

 
 

EURE FAVORITEN

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Beschreibung anzeigen