Die DDR war ein Staat der Absurditäten

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Im Rahmen des Geschichtsunterrichtes besuchte ein DDR-Zeitzeuge das Willibrord Gymnasium.

Emmerich. „Und wie viel bringste mit?“ Als Thomas Lukow diese Frage 1981 im Hochsicherheitsgefängnis für Staatsfeinde in Bautzen mit „20 Monate“ und nicht „20 Jahre“ beantwortete, bekam er von den Mitinsassen lediglich ein mitleidiges Lächeln zurück. „Da brauchste ja nicht einmal das Bett beziehen, wirst ja gleich wieder abgeholt.“

Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung

Bei den lebhaften Erzählungen über diese scheinbar weit entfernte Zeit und das Leben wie in einer anderen Welt, keinesfalls aber in Deutschland möglich, hängen die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 13 des Willibrord Gymnasiums an den Lippen ihres Gastes. Im Rahmen des Geschichtsunterrichtes besuchte Thomas Lukow, der in der DDR aufwuchs, als Zeitzeuge die Emmericher Schule.

„Wir nutzen das als Einstieg ins Thema DDR“, so Geschichts-Fachschaftsvorsitzender Holger Fellendorf. Ein Einstieg der besonderen Art war es auf jeden Fall. Locker und mit Witz berichtete Lukow über die Erziehung und die schon im Kindesalter beginnende Indoktrinierung durch die Regierung. Die 13er schwankten zwischen Schmunzeln und Verwunderung über die Vorgehensweise von Staat und Stasi. Von Kinderliedern, die den Klassenfeind deutlich zeichnen, und den Grenzsoldaten heldenhaft verehren, über die Ausgrenzung derer, die nicht zu den Jungen Pionieren oder später der FDJ gehörten, bis hin zu Staatspolizisten, die Konzerte stürmen, weil doch noch eine klitzekleine Staatsfeindlichkeit in einem Liedtext gefunden werden konnte.

„Völlig absurd das Ganze. Bei Konzerten von Punkbands, die in Kirchen stattfinden durften, saßen mitunter 25 Stasi-Spitzel. Die beobachteten sich alle gegenseitig. Und die Krone ist, dass sogar in der Band Stasi-Mitarbeiter spielten“, erzählte Lukow. Er spielte selbst in einer Punkband, wollte frei sein, frei denken und seinen Lieblingsbands hinterherreisen. Er nabelte sich vom System ab, verlor seinen Ausbildungsplatz und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser.

Von der Stasi observiert

Von der Regierung in die Schublade mit dem Schild „Tramper“ gepackt, wurde er von der Stasi observiert. Bei dem Versuch zu Fliehen, wurde er geschnappt und nach Bautzen II gebracht. Und auch hier macht er die Absurditäten des Regimes deutlich: „Natürlich wurden mir Handschellen angelegt, wegen der Fluchtgefahr im Flugzeug.“ Doch trotz der Leichtigkeit seines Vortrages, wird auch Emotionales spürbar. „Im Stasi-Knast war es schon hart für mich. Da waren Männer, die 20 Jahre in diesem Bau bleiben sollten.“ Nach dem Fall der Mauer nutze auch Lukow die Chance, einen Blick in „seine“ Stasi-Akten zu werfen. Die waren nur 600 Seiten stark. Die meisten hatten mindestens 2000. Mit auf den Weg gab der Zeitzeuge den Schülern vor allem eine Botschaft: „Es ist nie so, wie es scheint. Fragt nach, recherchiert selber und macht euch ein eigenes Bild.“

Mit einer, vielleicht zum Valentinstag passenden anrührenden Geschichte beendete Lukow seinen Vortrag. „Die große Liebe meines Sohnes wohnt in Amsterdam und er kann einfach hin und sie besuchen. Das ist wunderbar.“ Die Schüler des Willibrord Gymnasiums waren begeistert. „Das war mal eine ganz neue Sichtweise. So persönlich und nah“, sagte die 20-jährige Jacqueline Schöbel.

 
 

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