Den lieben Gott nicht vertreiben

Speelberg. Plädoyer eines Einzelkämpfers für mehr Offenheit und Toleranz an seiner Schule. Heribert Feyens Denkanstoß schlug Wellen

Der Wind pfeift ihm kräftig ins Gesicht, Schulkonferenz dagegen, Kirche dagegen, Kollegium auf Distanz und dennoch: Heribert Feyen, seit elf Jahren Rektor der katholischen Liebfrauen-Grundschule, wirbt unverdrossen für Information, Transparenz und Toleranz an seiner Schule. Der Vrasselter sieht sich in der Rolle des Einzelkämpfers. Im Grunde geht es ihm um die Zukunft seiner Schule in einer veränderten Welt. Eine gedeihliche Zukunft für alle sieht er eher als städtische Gemeinschafts-Grundschule gewährleistet.

99 Schüler sind keine Katholiken

„Ich will den lieben Gott nicht aus der Schule vertreiben“, stellt der 60-jährige Katholik gleich klar. Wohl wissend, dass ihm Ähnliches gelegentlich unterstellt wird. Er wolle doch nur „den Rahmen erweitern“. Sei’s drum. Er hat den Kampf angenommen. Doch den hatte er in der Bekenntnisfrage nicht von Anfang an gesucht.

Ausgangspunkt war kurz vor den Sommerferien sein als „Denkanstoß“ gedachter Informationsbrief an die Eltern, in dem er auf einige Veränderungen, auf unbequeme Fakten und Folgen hinwies. Zum Beispiel: 279 Kinder besuchen aktuell die Speelberger Grundschule, die meisten Eltern sind katholisch, aber immerhin 50 evangelisch und 49 Muslime oder ohne Konfession, die alle ihre Kinder ganz bewusst – trotz der katholischen Prägung – dort und nicht etwa an einer Gemeinschafts-Grundschule angemeldet haben. Warum? Weil diese einen guten Ruf hat oder nah am Wohnort liegt.

Doch diesen Kindern darf an einer Bekenntnisschule kein eigener Religionsunterricht erteilt werden. Weil sich die Eltern bei der Einschulung mit der katholischen Unterweisung einverstanden erklärt haben, wird nur allzu schnell zur Tagesordnung übergegangen. Dabei werden einige Realitäten leicht übersehen. Zum Beispiel, dass es Eltern gibt, die mit der Muttergottes, einer katholischen Messe oder dem Kreuz nicht viel anfangen können.

Zweites Problem: Die Besetzung von Lehrer- und Rektorenstellen. An der Liebfrauenschule war eine feste Stelle ausgeschrieben; zwei Lehrerinnen von Feyens Schule wollten sich darauf bewerben: „Sie kamen aber nicht zum Zuge, weil sie evangelisch sind“, so Feyen. Sie hätten sich schließlich wegbeworben, weil sie hier keine Perspektive mehr gesehen hätten. Immerhin gelang es Feyen, über den Vertretungspool des Kreises Kleve wenigstens eine Stelle zu besetzen. Zwei Drittel – 38 von 57 – der Grundschulen im Kreis Kleve sind katholische Bekenntnisschulen. Bei diesem Zahlenverhältnis haben evangelische Pädagogen schlechte Karten.

Heribert Feyen erntete ein breites Echo in der Elternschaft, aber auch einen Sturm der Entrüstung: „Der Brief hat enorme Wellen geschlagen. Mit so einer Resonanz hätte ich nie gerechnet.“ Viele Eltern taten sich zusammen, sammelten spontan Unterschriften zur Einleitung einer Abstimmung über die „Gretchenfrage“, ob die Liebfrauenschule eine katholisch bleiben oder eine Gemeinschaftsschule werden soll. Schnell waren 72 Unterschriften beisammen, nötig sind 56 (= 20 Prozent). Also mehr als genug, um die erste Hürde zu überspringen. Doch bei näherem Hinsehen stellten sich formale Mängel heraus. Reine Unterschriftenlisten genügen nämlich nicht: „Jeder muss einen eigenen Antrag stellen.“ Weil die Eltern alles korrekt machen wollen, schickte Feyen vorigen Freitag neue Briefe an die Antragsteller zur Korrektur heraus. Nach erster Durchsicht sagt er: „Es sieht so aus, dass wir die notwendige Zahl locker erreichen werden.“

Aber das wäre nur der Einstieg. Bei der anschließenden Abstimmung müssen zwei Drittel, also 186 Eltern, Ja zur Umwandlung sagen. Ein schier unerreichbares Quorum, weiß auch Feyen. Ihm würde nach einem Scheitern auch schon genügen, mit seiner offensiven Informationspolitik Kollegium und Elternschaft für die Nöte nichtkatholischer Eltern und für ein toleranteres Miteinander sensibilisiert zu haben.

Käme die Umwandlung doch noch zustande, würde Gott nicht zum Teufel gejagt. Denn laut § 26, Absatz 2 des Schulgesetzes ist auch die Gemeinschaftsschule eine Schule, „in der die Schülerinnen und Schüler auf der Grundlage christlicher Bildungs- und Kulturwerte in Offenheit für die christlichen Bekenntnisse und für andere religiösen (...) Überzeugungen gemeinsam unterrichtet und erzogen werden“.

Pluspunkte einer Gemeinschaftsschule

Und so wiederholt Feyen gebetsmühlenartig sein Credo: „Es gibt keine Nachteile für die Schule, weder in finanzieller, organisatorischer oder ideeller Hinsicht.“ Sodann listet er einige Pluspunkte einer Gemeinschaftsschule auf, die in seinen Augen für alle von Segen wären:
„Weiterhin Schulgottesdienste, Kontaktstunden, Beten, katholischer und evangelischer Religionsunterricht.“
„Bessere Möglichkeiten, Lehrer einzustellen und Leitungsstellen zu besetzen.“

Es mag sein, dass sich Feyen auch deshalb so ins Zeug legt, weil er einst an der evangelischen Albert Schweitzer-Schule unterrichtete und, weil Katholik, weg sollte: „Ein Vater hat sich damals für mich eingesetzt, dass ich bleiben durfte.“

 
 

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