Betuwe-Knackpunkte: Sicherheit und Lärm

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Emmerich/Wesel. Er bezeichnet sich selbst als „Regisseur“ der IG BISS: Leo Kasnitz hat es immer Spaß gemacht, den „Großkopferten“ die Meinung zu geigen. „Die Bahn hat 17 Jahre nichts getan, die fährt die Strecke jetzt voll“, wettert er.

Wenn die Blockverdichtung komme – dadurch können mehr Züge in kürzeren Abständen hintereinander fahren – sei Gefahr im Verzug. Dann seien Halbschranken, z.B. am Schulzentrum Feldmark, 20 Minuten geschlossen. „Da laufen die Kinder dann drunter her“, befürchtet der 81-Jährige. Die ganze Güterschienenstrecke sei nicht den Tod eines Kindes wert: „Das ist ein Sicherheitsrisiko. Ich erwarte deshalb Vollschranken, oder aber die Bahn stellt Leute ab, die dann da stehen.“

„Bürgermeister machen sich zu wenig Gedanken“

Kasnitz hat sich tief in die Bahnmaterie hineingekniet, Behörden immer wieder genervt, um die gewünschten Informationen zu erlangen - mit der Folge, dass er vermutlich mehr weiß und in Händen hält als so mancher Politiker. Zum Beispiel das Sicherheitsgutachten aus Zevenaar oder das 170 Seiten dicke Rechtsgutachten von Jörg Enuschat im Auftrag der betroffenen Gemeinden: „Die Bürgermeister machen sich viel zu wenig Gedanken“, so Kasnitz.

Kasnitz hat sich von sämtliche Orten schalltechnische Untersuchungen zur Blockverdichtung besorgt. In den Lärmberechnungen für Emmerich etwa räume die Bahn selber ein, dass sie die Grenzwerte nicht einhalten könne: „Mit der Blockverdichtung steigt der Lärmpegel im Emmericher Stadtgebiet tagsüber um 1 dB(A) und nachts um 1,6 dB(A). Damit liegt man 10 dB(A) über dem Erlaubten. Das ist schon ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit.“

Blockverdichtung ist kein baulicher Eingriff

Das mag so empfunden werden. Doch gezwungen, den Mehrlärm zu kompensieren, ist die DB nicht. Warum? Weil die Blockverdichtung keinen baulichen Eingriff in den Schienenweg darstellt und die entsprechende Verkehrslärm-Verordnung nicht greift.

Gleichwohl schlägt die DB Systemtechnik in ihrer schalltechnischen Untersuchung speziell für Emmerich (zwischen „Südstaaten“ und Bahnhof) vor, die Zusatzbelastung an den dichtbewohnten Streckenabschnitten durch intensive Gleispflege (BÜG= besonders überwachtes Gleis) bzw. Schienenstegbedämpfung an 267 von 279 Häusern auszugleichen. Das senkt den Lärmpegel um 3 bzw 2,5 dB.

Ministerpräsidentin Gabriele Kraft rät Kasnitz, aus der Finanzierungs-Vereinbarung von 2002 mit Bund und Land schleunigst wieder auszusteigen, weil sich das als schlechtes Geschäft für NRW entpuppt habe: Das Land beteilige sich zwar zu 36 % an den Kosten, NRW profitiere aber am Ende keinen Heller. Dabei habe es immer geheißen, das sei zum Vorteil für NRW: „Aber wir haben nur Dreck, Krach und die Risiken durch die Gefahrguttransporte“, so Kasnitz’ Rechnung.

Und: Die Anwohner sollten sich sehr gut überlegen, ob sie ihre Grundstücke jetzt schon der DB verkaufen wollten. Kasnitz hat in Erfahrung gebracht: „Die DB versucht, in Haldern, Mehr und Millingen schon Grundstücke aufzukaufen und Ansprüche abzugelten.“ Wodurch spätere Einsprüche aber nicht mehr möglich seien. Dann könne man nur noch auf eigene Kosten klagen. Kasnitz rät daher, erst später zu verkaufen, zumal dann auch die Wertminderung von Grund und Boden mit berücksichtigt würde.

Der Flürener wohnt selbst zwar nicht an der Bahnlinie, ist aber insofern erblich vorbelastet, weil der Vater Königlich-Preußischer Eisenbahnbeamter war und 1909 von Königsberg nach Wesel versetzt wurde – zu einer Zeit, als die Eisenbahner noch Degen trugen und gute 100 Goldmark im Monat nach Hause brachten.

Den kurzen Degen schwingt der Sohn, der sich als Groß- und Außenhandelskaufmann für diverse Firmen verdingte, nur verbal. Aber kampfeslustig.

 
 

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