Am Ende milde Urteile

Foto: NRZ

Emmerich.  In Deutschland brannten vom 9. auf den 10. November 1938 die Synagogen. In Emmerich gab es zu diesem Zeitpunkt keine Synagoge mehr, an der sich der braune Mob hätte austoben können. Dafür nahm er zwei jüdische Geschäfte ins Visier: das Textilhaus Leffmann am Fischerort und den Bazar Albersheim, Steinstraße. Die Nazis verschleierten Terror, Erniedrigung und Raub mit Begriffen wie Kristallnacht, Juden- oder Protestaktion. An jüdische Familien, die einst in Emmerich lebten, erinnern heute 99 Stolpersteine.

Synagoge

Etwa seit 1450 dürften Juden in Emmerich gelebt haben. Das schöne Gotteshaus der Israelitischen Gemeinde befand sich auf der Hottomannstraße 13 (heute Willibrordstraße), gegenüber dem prächtigen Bürgervereinsbau. 1812 wurde die Synagoge gebaut und im Jahr 1926 restauriert. Nachdem das jüdische Gemeindeleben zum Erliegen gebracht worden war, wurde die Synagoge im August 1938 an die Möbelfirma Nickenig verkauft. Durch Fliegerbomben wurde sie schließlich am 7. Oktober 1944 zerstört. Nickenig sollte dann auch noch das Textilhaus Leffmann erwerben.

Novemberpogrom in Emmerich

In Emmerich entlud sich der geschürte Hass erst am Morgen des 10. November 1938. Am Abend zuvor hatten die Nazis eine Veranstaltung auf dem Nonnenplatz organisiert, wo die Juden zur Verfolgung freigegeben wurden. Bewaffnet mit Hacken, Beilen, Brechstangen und Benzinkanistern waren an Verwüstungen, Brandlegung und Demütigungen ca. 30 SA-Männer, das NSFK (Fliegerkorps) und die SS vor den Augen vieler Neugieriger beteiligt. Als das Textilgeschäft Leffmann in Flammen aufging, soll SA-Mann Hoening gerufen haben: „Das ist der schönste Tag meines Lebens.“ Besagter SA-Mann entfernte mit der Brechstange das Firmenschild. Einige Zaungäste schämten sich, murmelten „Schande, Schande“ oder „menschenunwürdig“. Drei Emmericher Juden wurden verhaftet und ins KZ Dachau gebracht, kamen aber am Januar wieder frei - vorerst.

Couragierter Feuerwehrchef

Courage bewies der damalige Feuerwehrchef Franz Gerritzen. Als er um 8 Uhr von der Sirene alarmiert wurde, begab er sich umgehend zu der Brandstelle Leffmann, wo er neben SS und SA auch NS-Bürgermeister Mai antraf. Der fragte Gerritzen, ober er löschen wolle: „Ich antwortete: Selbstverständlich.“ Doch das Löschen brachte wenig: „Denn wenn wir an der einen Stelle löschten, wurde von den SA-Leuten an anderer Stelle wieder Feuer angelegt“, gab Gerritzen später zu Protokoll. Als der Prokurist und Betriebsluftschutzleiter der benachbarten Kaffeerösterei Lensing & van Gülpen Feuerschutz für ihren Betrieb verlangten, stieg Gerritzen aufs Dach, um sich von der Gefahr zu überzeugen und meldete Bürgermeister Mai, dass er jede weitere Verantwortung ablehne, wenn die Brandstiftung nicht eingestellt würde, was Mai dann auch befahl.

Was sonst noch geschah

Im Privathaus von Georg Nathan bei Leffmann gegenüber wurde die Wohnungseinrichtung zertrümmert. Der Installateur der Städtischen Werke bekam den schikanösen Auftrag, sämtliche Gasuhren aus den jüdischen Haushalten zu entfernen. Angeblich, um zu verhindern, dass die Bewohner sich umbrachten. Ein belgischer Augenzeuge schilderte, wie alle jüdischen Bewohner wie Vieh zur Polizeistation getrieben wurden. Als ein junger Jude einem älteren, der nicht mehr mitkam, auf die Beine helfen wollte, wurde er zurückgestoßen und geschlagen. Als die Juden im Polizeibüro versammelt waren, wurden Wagen und Karren geholt, die die Juden selbst ziehen mussten, um aus ihren Wohnungen Bettzeug zu holen.

Der Prozess nach dem Krieg

Eine Besonderheit des Geschehens in Emmerich war, dass die Beteiligten fast ausnahmslos Emmericher waren und nicht von auswärts zum Tatort beordert wurden. Nach dem Krieg wohnten die Täter freilich woanders - Flucht vor der Vergangenheit. Nun wollten sie nichts gewusst, gesehen und gemacht haben. Es kam zum Prozess vor dem Klever Schwurgericht. Die Presse wunderte sich unisono über sehr milde Urteile. Nur zwei Haftstrafen von einem 1 Jahr bzw. 10 Monaten wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Freiheitsberaubung wurden 1950 auf der Schwanenburg verhängt. Drei Verfahren wurden eingestellt, einer kam frei.

 
 

EURE FAVORITEN