2000-Kilometer-Reise: Andrei und Anton nehmen eine Auszeit

Erleben gemeinsam: (von links) Emiliya Kachan, Holger und Stephanie Klein, Initiative-Schriftführer Detlef Ukat sowie (vorn) Andrei und Anton.
Erleben gemeinsam: (von links) Emiliya Kachan, Holger und Stephanie Klein, Initiative-Schriftführer Detlef Ukat sowie (vorn) Andrei und Anton.
Foto: miry
Stephanie und Holger Klein haben als Gasteltern zwei Kinder aus der Nähe des ehemaligen Kernkraftwerkes Tschernobyl für vier Wochen in Emmerich aufgenommen.

Emmerich..  Anton und Andrei Kadolich wären vermutlich auch gestern Nachmittag, als der Himmel die Tröpfchen-Schleusen geöffnet hatte, in den blauen Gartenpool bei Gastfamilie Klein gesprungen. „Schwimmen“, sagten die beiden jungen Weißrussen, die vier Sommerferienwochen in Emmerich verbringen, „ist das Tollste.“ Die Embricana-Wasserrutsche ist ausdrücklich mit eingeschlossen.

2000 Straßenkilometer

Spätestens auf der anderthalbtägigen Busfahrt vom kleinen Örtchen Azdamicy nach Emmerich, lockere 2000 Straßenkilometer, haben Anton (11) und Andrei (10) davon geträumt. „Kaum waren die beiden bei uns“, erzählt Stephanie Klein, die Gastmutter der Brüder, „hatten sie auch schon die Badehose an.“ Kühle 22 Grad Wassertemperatur im Bassin? Pah!

Die Zeit am Rhein ist Erlebnis, Lernen, Erholen. Nicht nur im spritzigen Nass. Sondern auch im dreitägigen Scheunen-Biwak am Wisseler Fingerhutshof. Wie am vergangenen Wochenende. Oder auf dem Fußballfeld. Oder auf einem profanen Spielplatz. Der wird so intensiv beklettert, das Stephanie und Holger Klein staunen: „Den meisten deutschen Kindern wäre das sicher zu langweilig.“

Dazu kommt für die jungen Gäste stetes Bestaunen und Probieren. Nutella oder Fleischsalat beispielsweise. Im Gegenzug revanchieren sich Anton und Andrei mit heimischen Gurken oder Spitzkohl. Beides gedeiht in Weißrussland prächtig. Im familiären Kleinbetrieb nebst Gewächshaus helfen die Kinder in der Freizeit stets mit.

Das intensive Ferienleben macht die Emmericher Initiative „Kinder von Tschernobyl“ möglich. Anton, Andrei und die übrigen 15 Kinder im Alter zwischen neun und 15 Jahren wohnen bei Gastfamilien. Seit 1993 stets bei der Crew im Gepäck: Übersetzerin Emiliya „Mila“ Kachan, die neun Sprachen spricht. Und die die Lebensverhältnisse in Weißrussland gut kennt.

„Früher gab es nicht viel zu essen. Heute ist es besser. Da gibt es alles – wenn man das nötige Kleingeld hat“, sagt die 75-Jährige. Mit 200 Euro netto an Rente im Monat muss sie leben. „Mila“ ist aber noch so vital wie in jungen Jahren. Neulich, beim Hüthumer Reiterhof Lensing, saß sie als erste im Sattel. Die Kinder lachten verblüfft.

Deutschland als Lernchance

Deutschland ist aber nicht nur Vergnügen. Sondern auch eine große Lernchance in jungen Jahren. Auch wenn die Berufswünsche der Jungs (noch) übersichtlich sind. „Ich will Polizist werden“, sagt der elfjährige Anton keck. Der 14 Monate jüngere Andrei, der auch schon etwas Deutsch kann, überlegt kurz: „Jäger, wie Papa!“ Schwenkt aber plötzlich um: „Oder doch Polizist.“ Zeit zur Lebensentscheidung bleibt reichlich.

In Emmerich warten „nur“ noch zwölf Tage Spaß. Den Abschluss bildet ein großes Fest auf der Platzanlage des SV Vrasselt. Übersetzerin „Mila“ wird wieder singen. „Beim letzten Mal habe ich beim Abschied geheult wie ein Schlosshund“, erinnert sich Stephanie Klein. Auch diesmal, am 4. Juli ab 15 Uhr, wird es Tränen geben. Da braucht’s keinen Propheten.

Übrigens:

Die Nuklear-Katastrophe von Tschernobyl nahe Prypjat/Ukraine vom 26. April 1986 ist weiter präsent. Der strahlenverseuchte Radius rund um das Kernkraftwerk misst 37 Kilometer.


Die Emmericher Initiative „Kinder von Tschernobyl“ engagiert sich seit 1993 dafür, dass junge Weißrussen aus dem Krisengebiet in den Ferien vier Wochen bei Gastfamilien untergebracht werden.


Mehr Infos zum Verein gibt es im Internet: unter www.tschernobyl-emmerich.de.

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