Zuwandererkinder in Duisburg pauken für das Abitur

Annette Kalscheur
Sofia Firsova (19, v.li.) aus Russland, Phuong Nhi Nguyen (18) aus Vietnam und Yutao Wang aus China sind drei Schüler von der Aletta Haniel Gesamtschule in Duisburg, die erfolgreich die Auffangklassen für Zuwanderer durchlaufen haben und bald ihr Abitur machen.
Sofia Firsova (19, v.li.) aus Russland, Phuong Nhi Nguyen (18) aus Vietnam und Yutao Wang aus China sind drei Schüler von der Aletta Haniel Gesamtschule in Duisburg, die erfolgreich die Auffangklassen für Zuwanderer durchlaufen haben und bald ihr Abitur machen.
Foto: WAZ FotoPool
Kinder von Zuwanderern aus Rumänien oder auch Tschetschenien unterliegen in Deutschland der Schulpflicht. In Auffangklassen lernen sie Deutsch und steigen dann in Regelklassen ein. Viele von ihnen machen im Anschluss ihr Abitur - in der Fremdsprache. Drei Erfolgsgeschichten aus Duisburg.

Duisburg. Ihre Leistung ist beeindruckend. Als Zuwanderer-Kind aus Rumänien, Tschetschenien oder Gott-weiß-woher nach Deutschland zu kommen und dann hier ein Einser-Abitur hinzulegen verdient höchsten Respekt. Schließlich müssen die Kinder und Jugendlichen neben dem ganzen Schulstoff zunächst mal die sperrige deutsche Sprache lernen. Drei Erfolgs-Geschichten aus der Aletta-Haniel-Gesamtschule in Ruhrort:

Abi schon in Russland

Sofia Firsova hat ihr Abi schon in der Tasche - zumindest in ihrem Heimatland Russland. Zwar lebt sie seit vier Jahren in Duisburg, aber für die Prüfungen in der alten Heimat flog sie in den Ferien zurück und machte mit ihrer alten Klasse die Prüfungen. Das deutsche Abitur steht jetzt an, für die 19-Jährige sogar im Deutsch-Leistungskurs. 1,3 ist ihr aktueller Schnitt, damit möchte sie Jura oder Sprachwissenschaften studieren. Dass erzählt sie fast akzentfrei. „Dabei habe ich mich anfangs geschämt, zu sprechen. Aber die Menschen kommen einem entgegen, wenn man sich in ihrer Sprache versucht“, hat Sofia festgestellt. Sie empfiehlt Zuwanderern, viel zu lesen, um schnell weiterzukommen, „vielleicht nicht Thomas Mann, aber Zeitschriften“.

Morgens Schule, dann zur Uni

Einer doppelten Herausforderung stellt sich auch Nhi Nguyen. Die junge Vietnamesin besucht vormittags die zwölfte Klasse der Gesamtschule und nachmittags die Folkwang-Musikschule, um ihr Klavierspiel zu perfektionieren. Minimum zwei Stunden täglich übt sie. Eigentlich müssten es vier sein, aber Hausaufgaben und ein Nebenjob füllen die Tage ebenfalls. Jetzt träumt sie von einem Leben als Konzertpianistin oder Musiklehrerin. Die 18-Jährige lebt seit 2007 hier, findet Deutsch „ein bisschen schwierig“, hadert mit der Grammatik. Anfangs lernte sie mit deutschsprachigen Kinderfilmen, „sehr hilfreich!“ Jetzt müsste sie auf spanische Filme umschwenken - ihr viertes Abi-Fach.

Pendeln wegen der guten Betreuung

Yutao Wang hat vor Schulbeginn schon anderthalb Stunden Anreise hinter sich. Der 19-Jährige Chinese pendelt aus Mönchen-Gladbach her, wo seine Mutter inzwischen arbeitet. Seit 2010 besucht er die Ruhrorter Gesamtschule. Zwei Jahre lang fast nur Deutsch zu lernen, war schon toll, sagt der Elftklässler. Jetzt sind es noch zwei Stunden Deutsch-Unterricht zusätzlich. Mathematik und Zeichnen sind seine Leidenschaft, ein Architektur-Studium könnte das vereinen. Sprachen sind nicht sein Talent, „wenn meine Mitschüler schnell sprechen, fällt mir Deutsch immer noch schwer“. Japanisch hat er sich hingegen selbst beigebracht, durch Mangas und Filme.

20 Kinder aus 20 Nationen 

Für Kinder aus Zuwanderer-Familien gibt es bundesweit sogenannte Auffangklassen, in denen die Schüler ein, maximal zwei Jahre intensiv Deutsch lernen, bevor sie in eine Regelklasse überwechseln. In Duisburg übernimmt das Kommunale Integrationszentrum die Verteilung der Kinder. Ohne Zeugnisse ist es eine Herausforderung, die richtige Schulform zu finden. An der Aletta-Haniel-Gesamtschule in Ruhrort ist man zufrieden mit den Leistungen der zugewiesenen Kinder. Hier landen jährlich rund 70 Kinder, die für die siebte oder neunte Klasse vorbereitet werden, also bereits im Heimatland eine vergleichbare Schullaufbahn absolviert haben.

Übers Jahr kleckern meist noch zwei Dutzend weitere Kinder dazu, erzählt Dr. Gregor Weibels-Baldhaus, Abteilungsleiter der Gesamtschule. Da sitzen dann 20 Kinder aus 20 Nationen in den Auffangklassen, liegt das kurdische neben dem Punjabi-Wörterbuch - und so wird Deutsch zur alle verbindenden, oft einzigen gemeinsamen Sprache. „Wir sitzen alle im selben Boot“ umschreibt Weibels-Baldhaus das vorherrschende Gefühl in den Klassen.

Kinder bereichern die Schule

Trotz der schwierigen Ausgangslage stellten diese Schüler im letzten Jahr sieben von 67 Abiturienten - im Schnitt zehn Prozent eines Abi-Jahrgangs. Nach Klasse 10 erreichen zwei Drittel der Kinder aus Auffang-Klassen die Mittlere Reife mit Qualifikation und ein Viertel die normale Mittlere Reife. „Die Kinder bekommen ja die gleichen Prüfungen wie alle anderen“, so Weibels-Baldhaus. Selbst eine Mathe-Arbeit der Klasse 10 sei sprachlich herausfordernd. „Das ist schon beeindruckend, dass die Kinder in einer Fremdsprache so gute fachliche Leistungen erbringen“, lobt der Stufen-Koordinator diese „wahnsinnige Integrationsleistung“. Das Leben an der Schule werde durch die Kinder bereichert, vielfältiger.

Nicht alle zugewanderten Kinder können ad hoc Schulen zugewiesen werden. Für sie organisiert das Kommunale Integrationszentrum schulnahe Sprachkurse im Nachmittagsbereich, um sie für die künftige Schul-Laufbahn vorzubereiten.