Zur falschen Zeit am falschen Ort

Martin Krampitz
Das Stück „Circus Santa Sangre“ im Komma-Theater. Foto: Tanja Pickartz
Das Stück „Circus Santa Sangre“ im Komma-Theater. Foto: Tanja Pickartz
Foto: WAZ FotoPool

Duisburg. Es ist eine Geschichte von Blut, Schweiß und Tränen, das Theaterstück „Zigeuner-Boxer“ der jungen Autorin Rike Reiniger. Sie zeigt, dass Begabung und Können nichts, Abstammung und „Rasse“ alles sind, wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort lebt.

Die Geschichte erzählt vom Aufstieg und Fall des jungen Boxers Ruki, der in den 30er Jahren zum größten Boxtalent Deutschlands neben Max Schmeling aufsteigt. Und Jahre später in einem Konzentrationslager zugrunde geht, weil Ruki die „falschen“ Eltern hatte. Denn Ruki ist Sinto, ein „Zigeuner“.

In dem Kammerspiel sitzt Rukis Jugendfreund Hans, „der blonde Hans“, als alter Mann mit Boxerhandschuhen und Trainingshose an einem Tisch und blättert unbeholfen in seinen schriftlichen Erinnerungen. Da kommt dann alles wieder hoch: Wie Hans Ruki auf der Straße kennenlernte, wie sie gemeinsam im Box-Club Borussia trainierten, „weil es für den Sieger nach den Kämpfen dort immer ein kostenloses Mittagessen gab“.

Fadenscheinige Begründung

Während Hans sich bei einem Schrotthändler verdingt, geht es mit Rukis Karriere steil bergauf: Er entscheidet Kampf für Kampf für sich, besiegt 15 von 17 Gegnern in Folge, beschließt aus der Provinz nach Berlin zu gehen, Profiboxer zu werden. 1933 wird Ruki Deutscher Meister im Halbschwergewicht. Den Titel erkennt ihm der Boxverband nur eine Woche später wieder ab. Die fadenscheinige Begründung: Der Zigeuner habe undeutsch gekämpft.

„Undeutsch ist, den Schlägen des Gegners auszuweichen, undeutsch ist schwarze Locken zu haben, undeutsch ist beliebt zu sein“, sagt Hans. Noch ein einziges Mal steigt Ruki in den Boxring. Er hat seine Haare blond gefärbt. Er kämpft und gewinnt. Und verliert zugleich: Der Sieg wird annulliert. Im braunen Reich darf ein Zigeuner nicht siegen.

Jahre später begegnen sich die einstigen Boxer wieder, im Konzentrationslager. Nazi-Schergen haben Hans als Arbeitsscheuen, Ruki als „Zigeuner“ dorthin verschleppt. Ruki darf wieder boxen, zum Gaudi der Wachmannschaften. Aber als Sinto darf er nicht gewinnen, nur verlieren. Eines Tages schlägt Ruki einen SS-Wachmann beim Kampf ins Gesicht. Es ist Rukis Todesurteil. Hans wird gezwungen, seinen Jugendfreund auf der Stelle zu erschießen.

Quälende Erinnerungen

Diese Erinnerungen sind es, die Hans noch Jahrzehnte später quälen. Er versucht, seine Gedanken, seine Schuld zu verdrängen. Ohne Erfolg. Denn am Ende muss Hans ernüchtert feststellen, dass auch sein Leben die Summe seiner Erfahrungen und Erinnerungen ist: „Ich bin das, was passiert ist.“ In Hans eindringlichem Monolog materialisieren sich Bilder des Lebens, des Erfolgs und der Freude, aber auch des Grauens und der Agonie.

Frank Wiegard in der Rolle des Hans zeigt den Zuschauern deutlich, wie schwer Erinnerungen auszuhalten und auszudrücken sind. Die Botschaft kam beim Publikum an. Langer Beifall nach einer Stunde des Erschauerns.