Wikipedia und Mercator - globale Wissens-Genies

Martin Krampitz
Mann mit Weitblick: Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Foto: Udo Milbret/WAZ FotoPool
Mann mit Weitblick: Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Foto: Udo Milbret/WAZ FotoPool
Foto: WAZ-Fotopool
Er war der Stargast des Festaktes zum 500. Geburtstag von Gerhard Mercator: Jimmy Wales, Begründer der Online-Wissensbörse Wikipedia, sprach vor 450 Gästen in der Salvatorkirche.

Duisburg. Chor und Seitenschiffe der Salvatorkirche waren in ein tiefblaues, weiches Licht getaucht. Ein starker Kontrast zu dem grellen Blitzlichtgewitter, als Jimmy Wales Montagabend das Gotteshaus betrat und der weltberühmte Wikipedia-Gründer für die Fotografen vor einem der aufgebauten Computer posierte. Dann wurde es schlagartig still.

Jimmy Wales sprach 30 Minuten über sein Lebenswerk, über Wikipedia, die von ihm erdachte, weltweite Wissensplattform, die im Internet rund 460 Millionen Mal pro Tag angeklickt wird. Der 45jährige Amerikaner, Stargast und Hauptredner bei der 5. „Mercator Lecture“ der Stiftung Mercator, präsentierte sich locker, freundlich, sympathisch und eloquent. 450 geladene Festgäste hörten Wales gebannt zu.

Gemeinsamkeiten von Gerhard Mercator und Jimmy Wales

Der Festakt spielte sich nur 200 Meter vom Wohnort des Gerhard Mercators, der an diesem Tag 500 Jahre alt geworden wäre. Worum es bei der zweistündigen Feier zu Ehren des größten Sohns der Stadt in der Salvatorkirche ging, spielte aber nur am Rande eine Rolle: Um die Erfassung, die Vermessung der Welt, die Erkenntnisse über den blauen Planeten für jedermann begreif- und überschaubar zu machen, eine Arbeit, die sowohl das Schaffen von Gerhard Mercator als auch Jimmy Wales kennzeichnet. Der eine strukturierte die Welt mit Globus, Atlas und Karten, der andere mit Millionen Artikeln zum Weltwissen im WorldWideWeb.

Kommentar„Mercator und Wales stehen für die Verbindung von globalem Denken, wissenschaftlicher Präzision und unternehmerischen Handeln“, brachte Bernhard Lorentz, Geschäftsführer der Stiftung Mercator, die Gemeinsamkeiten zwischen Mercator und Wales auf den Punkt. Die Stiftung der Duisburger Unternehmerfamilie Schmidt investiert 2012 knapp 1,3 Mio Euro in vier große Veranstaltungen zum Mercator-Jahr. „Ein Geschenk an die Duisburger Bürger“, so Lorentz. Auch Wales zollte Mercator Tribut: „Gerhard Mercator machte wunderbare Erfindungen. Er hat der Menschheit zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine flache Abbildung der Welt gegeben. Mercators Einfluss auf die Weltsicht ist so groß wie der von Wikipedia.“

Sinn und Zweck von Wikipedia

Zu Beginn fragte Wales die Zuhörer, wer Wikipedia schon genutzt hat. 450 Hände reckten sich da in die Luft. Dann fragte er, wer schon Beiträge für Wikipedia geschrieben hat. Das waren schon deutlich weniger: Immerhin rund 50 Hände hoben sich.

Jetzt erklärte Wales, dessen Rede Dolmetscher simultan ins Deutsche übersetzten, Sinn und Zweck von Wikipedia, der ersten elektronischen Enzyklopädie des Weltwissens: „Mir und meinen 100 Mitarbeitern der Wikimedia-Foundation geht es um den freien, kostenlosen Zugang zum gesamten Weltwissen und damit auch um Meinungsfreiheit. Wir machen keine Gewinne. Werbung lehne ich ab.“

Qualität steht an erster Stelle

Elf Jahre nach der Gründung von Wikipedia existieren bereits rund 20 Millionen Seiten in 270 Sprachen, die meisten auf Englisch. „Allein auf Deutsch und auf Französisch gibt es jeweils eine Million Einträge.“ Doch Wales betonte auch, dass es ihm mehr um die Qualität als die Anzahl der Beiträge geht: „Wir haben eine große kulturelle Verantwortung, sauber zu arbeiten.“

Wikipedia achte nicht nur auf präzise Artikel. „Wikipedia hat zwar wenig Spielregeln. Aber es ist keine Anarchie. Unsere Administratoren arbeiten täglich daran, die Zahl der Fehler und Plagiate zu vermindern.“ Auch Polemik und Beleidigungen sind laut Wales tabu: „Die Beiträge müssen grundsätzlich fair und neutral sein.“

Den typischen Wikipedia-Autor beschrieb Wales so: „Die Verfasser der Artikel sind zu 87 Prozent männlich, im Durchschnitt 26 Jahre alt und gebildet.“ In Zukunft müssten mehr Frauen als Autorinnen gewonnen werden. Wales Fazit: „Unsere Community trägt das Projekt.“