Wie Kampfmittelbeseitiger Blindgänger aufspüren

Die Punkte auf der Karte sind Hinweise auf vorhandene Luftbilder, nicht auf auf mögliche Blindgänger.
Die Punkte auf der Karte sind Hinweise auf vorhandene Luftbilder, nicht auf auf mögliche Blindgänger.
Foto: Sergej Lepke / WAZ Fotopool
Auf der Großbaustelle am Duisburger Hauptbahnhof wurden schon etliche Weltkriegsbomben gefunden und dort liegen noch viele in der Erde. Aber solche Funde müssen keine Sache des Zufalls sein. Wie die Mitarbeiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes hier und anderswo im Rheinland Blindgänger aufspüren.

Duisburg.. „Nein“, winkt Kai Kulschewski direkt ab, „wenn Sie wissen möchten, wie viele Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg in Duisburg noch nicht entdeckt wurden, kann ich darauf keine Antwort geben.“

Kulschewski ist als Dezernent bei der Düsseldorfer Regierungsbehörde verantwortlich für den Kampfmittelbeseitigungsdienst Rheinland. Als vor einigen Wochen auf dem Baugelände am Hauptbahnhof in kurzen Abständen gleich zwei gefährliche Kriegsrelikte gefunden wurden, waren es seine Mitarbeiter, die die Bomben anschließend entschärft haben. Doch das ist nur die eine Hälfte der Geschichte.

Die andere beginnt mit einem schlichten Antrag, mit dem seine Behörde tätig wird, um im Vorfeld ein Gelände auf mögliche Blindgänger zu untersuchen. Denn Bombenfunde müssen keine Sache des Zufalls sein. „Die Luftaufklärung der Amerikaner und Engländer hat über Duisburg rund 20.000 Luftbilder gemacht. Für ganz NRW liegen sogar 300.000 Aufnahmen vor. Und wir wissen genau, wo diese Aufnahmen gemacht worden sind und welche Fläche ein Foto abdeckt.“ Der Großteil der Luftaufnahmen, die in knapp 40 Karteischränken lagern, dürfen nur intern für diesen Zweck genutzt werden. „Das Originalarchiv ist in Edinburgh. Und die Engländer achten das Urheberrecht ganz genau.“

Kleine Einschläge deuten auf Blindgänger hin

Während die Alliierten die Luftbilder für die Suche nach neuen Angriffszielen oder dem Grad der Zerstörung nach den Bombenabwürfen benötigten, kann der Kampfmittelbeseitigungsdienst die Aufnahmen heute für die Suche nach Blindgängern nutzen. Diese Aufgabe haben Christian Illemann und vier weitere Kollegen. Der Vermessungsingenieur hat sich während seines Studiums auf die Luftbildvermessung spezialisiert, arbeitete zunächst in einem Ingenieurbüro und seit zweieinhalb Jahren beim Kampfmittelbeseitigungsdienst in der Nähe des Düsseldorfer Flughafens.

„Wir überprüfen mit Hilfe der genauen Angabe über das zu untersuchende Areal, ob es Luftbilder gibt“, erklärt Illemann. Deutlich sind darauf die Krater der explodierten Bomben zu sehen. Viel kleiner sind die Einschläge, die auf Blindgänger hindeuten. „Ob die aber tatsächlich noch da sind, ist eine ganz andere Frage“, ergänzt Kai Kulschewski. „Wir wissen nicht, ob der Blindgänger vielleicht schon früher entschärft und beseitigt wurde.“ In den Kriegsjahren war dies noch Aufgabe der Wehrmacht, nach Kriegsende wurde erst 1948 der Kampfmittelräumdienst aufgebaut. Selbst bis in die 70er Jahre hinein wurden die Funde – im Vergleich zu heute – nur ungenau dokumentiert.

Liegt ein Verdachtsfall vor, erfolgt zunächst die geophysikalische Untersuchung vor Ort: Mit Metalldetektoren wird nach Eisen gesucht. „Dann wissen wir aber immer noch nicht, ob es eine Bombe oder nur ein alter Kochtopf ist.“ Schlagen die Detektoren an, muss vorsichtig gegraben werden.

Alle Bilder sind digitalisiert, die Lupe bleibt in der Schublade

Seit etwa einem Jahr können Christian Illemann und seine Kollegen ihre Suche am Computer durchführen, denn alle Luftbilder wurden digitalisiert und die Lupe kann in der Schublade bleiben. Lässt man den Computer die Flächen aller für Duisburg vorliegenden Luftbilder als Umrisse aufzeichnen, entsteht ein „Strickmuster“, das den besten Schneider in den Wahnsinn treiben würde. „400 Bilder für einen Punkt auf der Karte sind da schon möglich.“

Trotzdem sind die Düsseldorfer Luftbild-Ermittler schnell, vor allem, wenn durch noch existierende Gebäude oder Straßen die zu untersuchende Fläche schnell auf dem Luftbild zu lokalisieren ist. Dann reichen schon wenige Stunden für eine Antwort, die dann zum Beispiel dem Duisburger Ordnungsamt per Mail mitteilt, ob ein Verdacht vorliegt. „Dem Bauherrn ist schließlich daran gelegen, so schnell wie möglich ein Ergebnis zu bekommen“, so Kulschewski. Und weil im Frühjahr immer viel gebaut wird, haben die Luftbild-Ermittler im Januar und Februar auch immer die meisten Anfragen.

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