Wie der Verein "Gemeinsam gegen Kälte" Wohnungslosen in Duisburg hilft

Julia Bernewasser
Wilfried Becker und Kurt Schreiber kümmern sich um die Bedürftigen in Duisburg.
Wilfried Becker und Kurt Schreiber kümmern sich um die Bedürftigen in Duisburg.
Foto: Fabian Strauch
In Duisburg muss niemand auf der Straße leben, sagt die Stadt. Warum es dennoch Obdachlose gibt, zeigen Helfer des Vereins "Gemeinsam gegen Kälte".

Duisburg. „Ach, die sind ja alle da. Oh je...jetzt habe ich aber ein Problem“, sagt Wilfried Becker und es ruckelt ein bisschen, als er den weißen Bulli auf den August-Bebel-Platz in Marxloh über das Kopfsteinpflaster lenkt.

Erwartungsfroh, ein bisschen ungeduldig, die frierenden Hände in den Taschen vergraben scharren sich etwa 20 Männer und Frauen um das Auto. Ja, sie drängen sich zusammen, kleben fast an der Fensterscheibe. Da ist der stämmige Bärtige in den verschlissenen, aber nicht dreckigen Kleidern ebenso wie die zierliche, fahl ausschauende Frau, die älteren Herren auf Rollatoren, die so ausschauen, als würden sie ihr ganzes Hab und Gut mitschleppen. Hier will jeder ganz nah dran. Ganz vorne stehen. Irgendwie auch ein bisschen Gewinner sein- etwas, was die meisten hier höchstens aus ihren Träumen kennen.

Es reicht nicht immer aus

Wilfried Becker (74) zieht seinen Schal fester, sein Kollege Michael Detsch (39) schaltet das Radio aus, aus dem Eros Ramazotti gerade noch ein bisschen südliches Flair, ein bisschen Wärme in das trostlose und kalte Marxloh gebracht hat. Dann öffnen die beiden die Schiebtür des Wagens und ein lautes, kräftiges „Guten Morgen“ schallt ihnen entgegen. Es klingt herzlich, ja fast freunschaftlich. Die beiden Männer würden - wenn sie könnten - heute am liebsten alle zu Gewinnern machen. Die Zwei sind Mitglieder des Vereins „Gemeinsam gegen Kälte“. Sie unterstützen Menschen, die auf der Straße leben oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Fast täglich fahren sie mit ihrem Wagen durch Duisburgs Straßen, schenken Kaffee aus, machen Brote, verteilen Kleidung oder kümmern sich um Wohnungen.

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Das Problem, von dem Wilhelm Becker eben gesprochen hat, liegt direkt vor ihm: Es ist eine Sahneschnitte, ein Mohnstreifen und eine Rosinenschnecke. „Wie soll ich die damit bloß alle satt bekommen? Ich bin jetzt derjenige, der entscheiden muss, wer etwas bekommt und wer leer ausgeht“, sagt Becker zähneknirschend. Der Kuchen ist vom Vortag - die Spende einer Bäckerei. Aber leider reicht das nicht aus. Von heute in der Frühe, als das Mobil in der Innenstadt gemacht hat, sind nur noch wenige belegte Brote da. Aus einem Mohnstreifen werden aber kurzerhand vier. Denn es hilft nur: teilen!

Die Dunkelziffer ist aber viel höher

Es ist kalt geworden an diesen ersten Dezembertagen. Da sehnen sich manche auch nur nach einer warmen Tasse Kaffee. Die genügt der 54-jährigen Gaby, kommt sie doch eigentlich sowieso mehr wegen der anderen. Es sind alte Bekannte. „Das Zusammengehörigkeitsgefühl auf der Straße ist riesengroß“, sagt die Frau mit den etwas zu rot geschminkten Lippen. Zweimal war sie für kurze Zeit obdachlos. Jetzt hat sie eine Wohnung. Die falschen Männer und die nicht bezahlte Miete seien Schuld daran gewesen. Irgendwann kam der Alkohol dazu. „Da trinkst du dann automatisch mit.“

Eine große Klappe müsse man haben, um auf der Straße überleben zu können. Und was braucht man für den Winter? Einen Schlafsack und dicke Unterwäsche. „Oft habe ich auch in einer alten Lokomotive gepennt. Klar, das waren alles ziemlich schlechte Bedingungen.“

Andere gehen in dieser Jahreszeit in leer stehende Gebäude. „Jetzt sucht jeder etwas, wo es nicht feucht ist“, erzählt Michael Detsch. Es gibt aber auch Notschlafplätze, die die Stadt anbietet. Die U-Bahnstation am Hauptbahnhof ist geöffnet, um den Menschen einen Kälteschutz zu bieten. Daher müsse niemand auf der Straße leben, wie die Stadt mitteilt. Etwa zehn Menschen ziehen aber die Obdachlosigkeit vor, heißt es seitens der Stadt. Die Dunkelziffer ist aber viel höher, meinen die beiden Vereinsmitglieder.

Hohe Dunkelziffer

„In den Notunterkünften gibt es natürlich ein strenges Alkoholverbot. Das passt nicht jedem“, sagt Wilfried Becker. Da gibt es aber auch Leute wie Peter (55): „Ich habe es in der Unterkunft einfach nicht ausgehalten. Die anderen Obdachlosen haben mich tyrannisiert. Mit denen konnte ich nicht zusammen leben.“ Die beiden können nicht alle bekehren. Das gelte für den Ratschlag in eine Unterkunft zu gehen genauso wie sie dazu zu erziehen, Rechnungen zu öffnen, Behördengänge wahrzunehmen oder die Finger von der Bierflasche zu nehmen.

Auch wenn Gaby ihre Bekannten von der Straße nicht vergisst, sie hat genug vom Alkohol, genug vom Winter auf der Straße. „Das passiert mir nicht noch einmal. Das habe ich mir geschworen.“