Wilde Fahrt auf dem Rhein

Stephan Sadowski
Das Erstlingswerk „Rheinorangen“ des Rheinhausers Cornelius Monte ist ein Duisburg-Niederrhein-Roman. Die Geschichte lässt sich nur schwierig einem Genre zuordnen.

Duisburg-Rheinhausen.  Sicherlich, es gibt Bücher, die eine schön schwelgerische Beschreibung der Landschaft entlang des Rheins beinhalten, auf Dauer aber langweilig für den Leser werden, weil es doch zumeist subjektive Reiseerinnerungen sind. Der Rheinhauser Autor Cornelius Monte entwickelt in seinem Erstlingswerk „Rheinorangen“ eine Mixtur aus unerfüllter Liebesgeschichte und subkultureller Reiseerzählung, die den Leser irgendwann anfängt zu fesseln – zwischen dem Ruhrorter Binnenhafen und dem Europort Rotterdam begegnen dem jungen Helden unzählige Abenteuer – es entwickelt sich eine moderne Odyssee auf einem Binnenschiff bei schwerem Hochwasser entlang des Rheins.

Zum Inhalt: Der Ich-Erzähler heuert im Ruhrorter Hafen bei einer erfahrenen Bootscrew auf einem Schubleichter an. Das Ziel ist Rotterdam – dort will er seine verflossene Liebe suchen, die inzwischen in der urbanen Metropole ein geheimnisumwittertes Leben in der DJ-Szene führen soll. Nun muss er sich an Deck gegen die alten „Seebären“ durchboxen, die ihm teils hilfreich, aber auch missgünstig begegnen - das gelingt ihm irgendwann und er bekommt seine „Matrosentaufe“ – mit Genever und Flusswasser. Besonders ins Auge stechen bei der Erzählung die Detailverliebtheit mit der Cornelius Monte das Milieu am Hafen, das Schiff und die handelnden Charaktere seines Werkes in Szene setzt. Metaphysisch malt er dagegen die Landschaften, die ihn auf der Rheinreise bis hin zu seinem Zielort begleiten – und fast mystisch muten die Rückblenden an, in die sich der junge Held immer wieder verstrickt, die sodann aus der Realität ins fast Surreale entwickelt werden und welche die eigentliche Triebfeder seiner Reise sind. Nahezu genial sind die Ausflüge in die Mythologie, die den Erzähler wie einen modernen Odysseus auf seiner Irrfahrt erscheinen lassen.

Viel „Seemanns-Latein“

Bemerkenswert ist die Authentizität, mit der seine geschaffenen Personen agieren: der Bootsmann van Haan artikuliert sich in einem glaubwürdigen Kauderwelsch aus Holländisch und Deutsch, ja sogar auf „Seemanns-Latein“, während der typische Ruhrpottmatrose konsequent in seinem Jargon spricht. Demgegenüber stehen Ausflüge in die Geschichte des unteren Niederrheins und der Niederlande, der Tulpenwahn und der 80-jährige Krieg werden in die abenteuerliche Geschichte miteinbezogen, ohne dass der rote Faden verschütt geht

Und richtig spannend wird es am Ende, als der junge Held mit Teilen der Bootscrew unerlaubt unter Alkoholeinfluss im Hochwasser überfluteten Rotterdam von Bord geht, und in einen subkulturellen Techno-Tempel eintaucht, in dem er vermutet, dass dort seine Liebe als D-Jane arbeitet. Der überraschende Ausgang des Romans wird an dieser Stelle nicht verraten. Der Bucheinband „Kinder im Hafen“ von August Macke zeigt den Anspruch des Autors auf. Eine Schwachstelle bleibt allerdings die Blocksatzformatierung.

Fazit: Endlich mal ein Duisburg-Niederrhein-Roman, der diesen Namen verdient, eine Geschichte, die sich keinem Genre unterordnen will, dabei eine gelungene Melange aus Love-Story, Abenteuerroman, und moderner Reiseerzählung abliefert – ein Gegenwartsroman, der nicht nur bei Binnenschiffern Anklang finden wird, wobei die Skulptur „Rheinorange“ im Ruhrorter Hafen den Dreh- und Angelpunkt der Geschichte bildet.