Von Bingöl nach Beeck

Gespannt hörten die Gäste im Jugendzentrum Menschen zu, die vor 50 Jahren im Rahmen des Anwerbeabkommens mit der Türkei nach Duisburg gekommen waren. Foto:Christoph Reichwein
Gespannt hörten die Gäste im Jugendzentrum Menschen zu, die vor 50 Jahren im Rahmen des Anwerbeabkommens mit der Türkei nach Duisburg gekommen waren. Foto:Christoph Reichwein
Foto: WAZ FotoPool

Rumeln. Es war offenbar sehr interessant. Denn die rund 20 Jugendlichen, die sich im Rumelner Jugendzentrum an der Dorfstraße die Geschichten von vier Zuwanderern der ersten und zweiten Generation anhörten, waren sehr aufmerksam und konzentriert.

Drei Frauen und ein Mann türkischer Abstammung berichteten, wie sie vor Jahrzehnten nach Deutschland kamen, um für sich und ihre Kinder eine bessere Lebensperspektive aufzubauen. Eingeladen hatte die Kids das Jugendamt und die Entwicklungsgesellschaft Duisburg (EG DU) unter dem Motto „Cool - wir werden 50!“. Anlass war das 50-jährige Jubiläum des Anwerbeabkommens für ledige Arbeitskräfte zwischen Deutschland und der Türkei von Oktober 1961.

Stelle bei Thyssen gefunden

Hüseyin und Müserrif Savas, die beide aus dem Küstenort Adana in der Südtürkei stammen, reisten mit dem Auto über Bulgarien, Jugoslawien und Österreich im September 1972 in Deutschland ein. Ehemann Hüseyin hatte als Elektromeister eine Stelle bei Thyssen in Bruckhausen gefunden, wohnte eine Zeit lang, wie damals üblich, in einem Ledigenheim im Duisburger Norden.

Während Ehemann Hüseyin bei Thyssen arbeitete, lernte Müserrif Deutsch. Nun konnte sie sich mit Nachbarn, Freunden und später auch mit Kunden fließend unterhalten. Nach neun Monaten zog das Ehepaar in das Dichterviertel nach Hamborn um, als 1974 Sohn Seyhun zur Welt kam, brauchte das Paar ein Kinderzimmer und zog in eine größere Wohnung nach Walsum um, wo die Tochter Seyhan 1976 geboren wurde.

Das junge Glück wurde allerdings überschattet, als Müserrifs Vater in der Türkei bei einem terroristischen Überfall als Unschuldiger vor seinem Geschäft in Adana erschossen wurde. Müserrif die an diesem Unglück fast verzweifelte, beschloss, in ihrem Beruf als Näherin zu arbeiten, um sich von ihrem Leid abzulenken. Sie eröffnete ein Nähgeschäft an der Weseler Straße in Marxloh.

Eine Familie in zwei Zimmern

Auch Aysel Parnak (48) erzählte eine Geschichte von einer gelungenen Integration Die heute 48-Jährige kam als kleines Kind 1966 aus dem anatolischen Bingöl nach Beeck, wo der Vater bereits seit 1965 in der Industrie arbeitete. Die Familie lebte dort damals in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Aysel Parnak lernte schnell die deutsche Sprache, hatte viele deutsche Kinder als Freunde, besuchte mit ihnen die Grundschule in Beeck. Als ihre beste Freundin Carmen auf das Abtei-Gymnasium in Hamborn wechselte, wollte auch Aysel Parnak dorthin. Doch der damalige Rektor verwehrte dem muslimischen Kind den Zutritt zu dem katholischen Gymnasium. Die junge Deutsch-Türkin schwor dem Rektor damals: „Aber meine Kinder werden das Abtei-Gymnasium besuchen!“ Aysel Parnak selbst besuchte zunächst die Hauptschule, erlernte ab Oktober 1978 in Hamborn auf der Krankenpflegeschule des Johannis-Hospitals den Beruf einer Krankenschwester. Als ihr Sohn Mitte der 1980er Jahre zur Welt kam, nahm sich Aysel Parnak vor: „Ich wollte, dass mein Sohn die deutsche Kultur richtig kennenlernt“. Der Junge besuchte einen katholischen Kindergarten, erlernte wie seine Mutter rasch die deutsche Sprache, brachte gute Noten nach Haus.

Als Aysel Parnak ihren Sohn nach der Grundschule auf dem Abtei-Gymnasium anmelden wollte, lehnte der Direktor zunächst wieder ab. Doch nachdem Aysel Parnak einen Brief an das Bistum Essen geschrieben hatte, lenkte der Direktor ein. Das katholische Gymnasium nahm Asyel Parnaks Sohn als erstes deutsch-türkisches Kind moslemischen Glaubens auf. Jahre später bestand der Sohn dort sein Abitur, wieder mit durchweg guten Noten...

 
 

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