Unwissenheit ist der größte Feind

Zu Gast im Willy Brandt Berufskolleg Rheinhausen (v.l.): Zehra Yilmaz (DITIB Begegnungsstätte) , Michael Rubinstein (Jüdische Gemeinde Duisburg) und Ulrich Koch (Gemeinde St. Peter) .
Zu Gast im Willy Brandt Berufskolleg Rheinhausen (v.l.): Zehra Yilmaz (DITIB Begegnungsstätte) , Michael Rubinstein (Jüdische Gemeinde Duisburg) und Ulrich Koch (Gemeinde St. Peter) .
Foto: WAZ FotoPool
Sechster Dialog der Kulturen im Willy-Brandt- Berufskolleg fördert Toleranz

Wissensaneignung durch Lesen, im religiösen Bereich ebenso wie in weltlichen Dingen - und Vermeidung von Beurteilungen von Menschen, die eine andere religiöse Überzeugung haben als man selbst; diese Schlussfolgerung vermittelte die Diskussion von Schülern und Religionsvertretern im Rheinhauser Willy-Brandt-Berufskolleg beim sechsten Dialog der Kulturen. Vertreter von Islam, Judentum und Christentum stellten sich den Fragen von 40 Schülern am Willy-Brandt-Berufskolleg (Bereich Fachhochschulreife).

Organisiert wurde der Dialog wieder durch Gerda Peto (Arbeitskreis Christen und Muslime) und Halil Cinar, Abteilungsleiter Metall an der Berufsschule. Als Diskussionseinstieg erklärte Zehra Yilmaz, studierte Religionswissenschaftlerin von der islamischen Begegnungsstätte in Marxloh, was für sie der Glaube an Gott bedeute: „Gott hat mir geholfen, meine Identität zu finden. Ich bin hier aufgewachsen und eine deutsche Muslimin türkischer Herkunft.“

Der Glaube schenke ihr tiefes Vertrauen in die göttliche Schöpfung und verbiete jegliche Erhebung über andere Menschen. Ihre Überzeugung: „Alle Menschen sind vor Gott gleich.“ Und: „Gott hilft uns Menschen in Notsituationen.“ Sie verwies auf den Ausspruch des Propheten Mohammed „Gott ist euch näher als eure Halsschlagader!“

Als Vertreter der jüdischen Gemeinde in Duisburg nahm deren Geschäftsführer Michael Rubinstein Bezug auf die Aktualität und Wichtigkeit von Wertesystemen, die Religionen auch heute den Menschen bieten: „In der Bibel steht als Gebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das sei ein Gebot zum friedlichen Miteinander und erfordere Rücksicht auf den Nächsten.

Eine kurze Nachfrage bei den Schülern ergab: nur zwei junge Leute wussten mit Religion nichts anzufangen. Ein junger Mann bekannte: „Ich bin noch auf der Suche.“ Der junge Muslim Ugor zeigte sich tief verletzt von verbalen Angriffen anderer Muslime, die ihn als „ungläubig“ bezeichnet hätten, weil er als Alevit kein Moslem sein könne. Zu dieser Bloßstellung meinte die Muslima Yilmaz: „Wer sind wir Menschen, dass wir uns über andere erheben?“ Man müsse an seinen eigenen Fehlern arbeiten. Und: „Die Aleviten sind Jahrhunderte lang verfolgt, verletzt und getötet worden.“ Das sei nicht zu rechtfertigen gewesen. Als Muslim sei man auch verpflichtet sich um den Nachbarn zu kümmern. Durch politische Konflikte wie in Palästina würde die Religion missbraucht, „weil es um Macht geht.“ Auch das Schisma im Islam zwischen Schiiten und Sunniten sei aus einer Machtfrage um die Nachfolge des Propheten Mohammed entstanden.

Religiöse Schriften lesen

Mehr Klarheiten und Einsichten über die Religion, so Yilmaz, Koch und Rubinstein, erfahre man auf jeden Fall durch das Lesen der religiösen Schriften wie Bibel und Koran. Allerdings: „Es empfiehlt sich, die Bücher in der Sprache zu lesen, die man selbst heute benutzt.“ Wenn man den Koran in arabisch lese und die Sprache selber nicht oder kaum spreche, verstehe man den Inhalt auch nicht.

Pfarrer Koch: „Früher konnten die meisten Menschen nicht lesen und erhielten durch Bilder in der Kirche eine Erklärung biblischer Geschichte und Regeln.“ Allerdings habe da die Deutungshoheit beim jeweiligen Pastor gelegen. Lesen könne fast jeder heute in der Bibel, aber weil sich Sprache mit ihren Begriffe und Bedeutungen im Laufe der Jahrhunderte geändert habe, sei es ratsam, immer wieder eine aktuelle Übersetzung zu lesen. Heute sei es auch unerlässlich, die Religion mit Verstand zu prüfen. Er wünsche sich mehr (christliche) Theologen, die die Wirklichkeit als Maßstab für die Religion nähmen, sonst gehe sie an den Menschen vorbei. Yilmaz: „Das erste Wort im Koran heißt: ,Lies!’ Der erste Lehrer ist Gott, der erste Schüler Adam. Mohammed hat gesagt: ,Der größte Feind des Menschen ist die Unwissenheit’.“

Nächste Woche werden die jungen Leute Moschee, Synagoge und eine katholische Kirche in Duisburg besuchen, um einen persönlichen Eindruck von den Gotteshäusern zu erhalten.

 
 

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