„Pilotprojekt für die ganze Türkei“

Man muss das Rad nicht immer neu erfinden, was Sinn macht, zielführend ist und zu guten Ergebnissen führt, kann man auch von anderen Völkern und Nationen lernen. Zu diesem Zweck besuchte eine vierköpfige Delegation aus der türkischen Großstadt Tokat, im Norden Anatoliens gelegen, die Caritas Wohn- und Werkstätten Niederrhein (CWWN) an der Rheinhauser Hochstraße.

Einen Tag lang informierten sich der stellvertretende Bildungsdezernent Abdullah Gürbüz, zwei Schulleiter und ein Lehrer aus Tokat, wie die Werkstätten funktionieren, wie sie aufgebaut sind, wie die rund 400 Beschäftigten am Standort Rheinhausen arbeiten und bezahlt werden, wie die Arbeitsablaufe aussehen oder wie Aufträge von Kunden akquiriert werden. Das deutsche Know-How, die langjährige Erfahrung der Caritas Werkstätten Niederrhein können die türkischen Besucher gut gebrauchen. Denn noch in diesem Jahr soll in einem Gewerbegebiet der Stadt Tokat der Grundstein für eine ähnliche Werkstatt gelegt werden. Dort soll zwar nicht das gesamte CWWN-Konzept, aber zahlreiche Elemente daraus übernommen werden. Die Einrichtung, die Stadt und Provinz Tokat sowie der türkische Staat finanzieren wollen, soll zunächst im kleinen Rahmen beginnen und dann nach und nach ausgebaut werden.

Hintergrund: Die Türkei hat Nachholbedarf im Umgang mit behinderten Menschen. Seit Jahrzehnten werden die meisten der geschätzt neun Millionen Behinderten im Land am Bosporus zwar bis zum 23. Lebensjahr beschult und beschäftigt. Danach werden sie allerdings in aller Regel nur daheim verwahrt, meist kümmern sich Eltern und Geschwister, Tanten und Onkel um sie. „Früher sah man kaum behinderte Menschen auf den Straßen in der Türkei“, so Bildungsexperte Abdullah Gürbüz. Solche Zustände herrschten auch in der Bundesrepublik bis in die 1960-er Jahre. Daran ändert sich erst seit fünf bis zehn Jahren etwas: Seitdem zahlt der Staat den Betroffenen und ihren Eltern immerhin ein Unterhaltsgeld. Ein weiterer Fortschritt: Die meisten Schulen und andere öffentlichen Gebäude sind inzwischen behinderten- oder Rollstuhlgerecht umgebaut. Vor kurzem kündigte die Regierung in Ankara an, auch die zahlreichen Moscheen im Land barrierefrei zu gestalten. Doch einer geregelten Beschäftigung wie in Deutschland konnten nur die wenigsten Behinderten in der Türkei nachgehen.

Kontakte in die Heimat

Das soll sich ändern. Ein Impuls für diese kleine „Revolution“ kam aus Rheinhausen. Der Hochemmericher Unternehmer Hilmi Yavuz, Vorsitzender des Europäischen Tokat Förder- und Solidaritätsvereins, ließ seine Kontakte in der Stadt seiner Väter spielen.

Mit Erfolg: Im Dezember besuchte der Gouverneur und zwölf Schulleiter der Provinz Tokat Duisburg, besichtigten die Werkstätten in Rheinhausen. Die Delegation aus dem Orient zeigte sich von der erfolgreichen Arbeit der behinderten Menschen sehr beeindruckt. Dezernent Gürbüz: Zu den Werkstätten in Tokat wird auch ein soziales Zentrum für behinderte Menschen und ihre Eltern gehören. Wir wollen bei uns in diesem Jahr ein Pilotprojekt für die ganze Türkei realisieren.“

 
 

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