Menschen und Mitbürger

Drei türkischstämmige Autoren lesen in Hochemmericher Atatürk-Kulturgemeinde

Am Ende geht es um zentrale Fragen menschlicher Existenz: Kann man in der Fremde heimisch werden oder arrangiert man sich nur? Behält man in der neuen Umgebung seine ursprüngliche Identität, entwickelt man sich weiter – oder gibt man seine kulturellen Wurzeln auf und passt sich an? In ihren Gedichten und Geschichten versuchen Ali Yakar aus Rheinhausen, Mevlüt Asar aus Walsum und Ozan Incy aus Hochfeld diese Fragen zu beantworten. Die türkischstämmigen Autoren lasen aus ihren Werken vor, in der Atatürk-Kulturgemeinde, die seit acht Jahren ihren Sitz im Bunker an der Günterstraße in Hochemmerich hat.

Es ist die zentrale Frage zum Thema Integration. Scheinbar gibt es darauf keine einfachen Antworten. Doch dann fällt die Antwort überraschend schlicht, dafür aber umso überzeugender aus: „In erster Linie sind wir Zuwanderer Menschen und Mitbürger“, sagt Ali Yakar, Autor und Journalist. Bei allen individuellen Unterschieden: Seinen Satz können auch Ozan Incy, Dichterin, und Mevlüt Asar, heute Dichter, unterschreiben. „Menschen und Mitbürger“ – ein Konsens, auf den sich alle einigen können, kleinster gemeinsamer Nenner, der auch deutschen Mitbürgern einleuchtet.

Diese Haltung transportieren die drei Autoren in ihrer Lyrik und Prosa, einen Standpunkt, eine Verortung, die kulturelle Unterschiede überwindet und Gemeinsamkeiten betont. „Für uns sind alle Menschen gleich“, betont Ali Yakar. „Wir machen keine Unterschiede zwischen den Menschen, egal welcher Nation, Kultur, Rasse oder Glaubensrichtung sie angehören.“

Suche nach Liebe und Glück

So geht es in den türkischen Versen und Prosatexten von Yakar, Asar und Icis, für die es teilweise eine deutsche Übersetzung gibt, auch nicht um das Trennende, sondern um das Verbindende, um das Menschliche, auch Allzumenschliche. Es geht um die Suche nach Liebe, Glück und Frieden, nach Ruhe und Identität, aber auch um Ausgrenzung und Unterdrückung, um Höhen und Tiefen des Lebens von Zuwanderern in Deutschland – ganz im Sinne des gemeinsamen Vorbilds Fakir Baykurt, des Duisburger Autoren und Journalisten (1929-1999), den Yakir und Asar noch persönlich kannten.

Wie in Baykurts Werk ist in die Texte der drei Autoren auch viel Biografisches, sind viele persönliche Erlebnisse eingeflossen. Ali Yakar kam 1968 nach Deutschland, wurde Arbeiter im Stahlwerk Rheinhausen und wurde Vertrauensmann für die IG Metall. Als Krupp sein Stahlwerk schließen wollte, beteiligte sich der Gewerkschafter am Arbeitskampf. Fast zur gleichen Zeit begann Yakar seine Arbeit als Journalist und Autor, engagierte sich lokalpolitisch. Bislang hat er, heute 62 Jahre alt, sieben Bücher mit Gedichten und Geschichten geschrieben.

So ging ein für die rund 80 ausnahmslos türkischsprechenden Gäste ein stimmungsvoller Abend zu Ende. Für die Zukunft ist zu wünschen, dass zumindest ein Teil der Lesung in deutsch abgehalten werden kann. Dann können sich die Veranstalter wohl über noch mehr Interessierte freuen...

 
 

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