Lustiger Streit endet bitter ernst

Foto: Michael May/IKZ

Sich um Kopf und Kragen spielen – das kann er gut, der Schauspieler Martin Lindow. Insofern ist es eine Paraderolle für den 48-Jährigen, der nicht nur als Polizist in zahlreichen Fernsehrollen bei „Polizeiruf 110“ oder „Alarm für Cobra 11“ brillierte – in dem Bühnenstück „Der Vorname“ von Matthieu de la Patelliere und Matthieu DeLaPorte zeigte er in der gut gefüllten Rheinhausen-Halle, welch schauspielerische Fähigkeiten in ihm stecken.

Eklat ist vorprogrammiert

Dabei fängt alles ganz harmlos, an: Der Immobilienmakler Vincent, (Martin Lindow) ist eingeladen bei seiner Schwester Elisabeth und deren Mann Pierre, einem bedeutenden Literaturprofessor, und offenbart den beiden nur zum Spaß, dass er sein ungeborenes Kind „Adolphe“ nennen würde – frei nach dem Roman von Benjamin de Rebecque, einem französischen Romantiker.

Das Buch hat der eher ungebildete Geschäftsmann kurz zuvor in der großen Bibliothek seines Schwagers gesehen: „Da hast du einmal ein Buch gelesen – und schon willst du dein Kind nach einem faschistischen Massenmörder benennen“, fährt ihn Schwager Pierre (gespielt von Christian Kaiser) an.

Damit ist der Eklat vorprogrammiert. Obwohl Vincent diese „Schnute“ gezogen hat, wie nur Martin Lindow es kann, die mimisch ausdrücken soll, dass er mal eben alle „an der Nase herumführt“, sich aber keiner Schuld bewusst ist - wird dieser anfangs noch lustige Streit um den Vornamen zum bitteren Ernst - und die Abgründe bürgerlicher Moralvorstellungen tun sich auf.

Spätestens dann, wenn Vincents Frau Hanna eine Stunde zu spät kommt, und sich über die Vornamen der Kinder von Pierre und Elisabeth „Athena und Adonas“ lustig macht – wird der noch verborgene Konflikt offenbar – und jetzt ist Martin Lindow in bester schauspielerischer Manier gefordert, das Drama seinen Lauf nehmen zu lassen: „Ihr linken Spießer habt bei der Namenswahl doch nur mit eurem Wissen über griechische Mythologie prahlen wollen!“, schlägt er sich kurzfristig auf die Seite seiner Frau – gekonnt spielt er nämlich jetzt den „Streitschlichter“, der sich wie ein Opportunist mal links, mal rechts verbündet, um es jedem noch irgendwie Recht zu machen - und konsequenterweise immer tiefer in das Fettnäpfchen rutscht, in das er sich gesetzt hat.

Schallende Ohrfeige

Zumal auch sein Jugendfreund Claude, ein begnadeter Posaunist, in der Runde eingesteht, dass er über mehrere Jahre ein Verhältnis zu der Mutter von Elisabeth und Vincent hat – daraufhin eine schallende Ohrfeige von Vincent bekommt und blutend zu Boden fällt.

Der Beitrag des vermeintlichen Helden Vincent zur Eskalation dieses Stückes ist die sprichwörtliche Schlagfertigkeit, perfekt getimt von Martin Lindow, der zu jedem Gedanken seiner Freunde, das letzte Wort entwickelt, somit alle schwelenden Konflikte befeuert.

Und als am Ende noch seine Schwester Elisabeth, in glaubwürdiger Hausfrauen-Manier dargestellt von Anne Weinknecht, eingesteht, dass sie die Doktorarbeit ihres Mannes geschrieben hat und völlig frustriert ist, weil sie im Schatten ihres Mannes keine Karriere gemacht hat, ist die Katastrophe perfekt.

Ihrem Bruder macht sie noch eine Szene und poltert dann von der Bühne: „Den Abwasch könnt ihr jetzt machen!“ Und Vincent zieht dann diese Schnute, wie nur Martin Lindow es kann, und die mehr als 650 Zuschauer überlegten, inwieweit es der tragische Held mit diesem Gesichtsausdruck ernst meint – sein Kopf jedenfalls blieb dran, aber es ging ihm teilweise in dem entstandenen Chaos richtig an den Kragen...

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