Licht und Schatten bei der Inklusion

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Die Inklusion, also die Beschulung behinderter Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Regelschulen, hatte die rot-grüne Landesregierung bei ihrem Amtsantritt als Vorzeigeprojekt angekündigt. Doch 16 Monate, nach dem das Kraft-Kabinett mit dem 9. Schulrechtsänderungsgesetz den Rechtsanspruch für die Beschulung behinderter Kinder an Regelschulen eingeführt hat, macht sich landauf, landab bei vielen Pädagogen in NRW Ernüchterung breit: Genau 1.200 befragte Schulleiter kommen zu dem Ergebnis, dass es in NRW an rund 6.500 Sonderpädagogen, Räumen, Material und Strukturen und kleineren Klassen für den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern fehlt. Das ergab eine aktuelle Online-Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) NRW unter Schulleitern in NRW.

Zu wenig Lehrerwochenstunden

Doch wie ist die Situation im Westen Duisburgs? Kommt die Inklusion hier voran? Oder hapert es auch hier wie in zahlreichen anderen Orten im Land? Die Redaktion hat nachgefragt. Die Antworten von Schulleitern im Westen fallen unterschiedlich aus: Sie vergeben der Umsetzung der Inklusion Noten von „gut“ bis „mangelhaft“. Besonders kritisch äußern sich Günter Derksen und Bernd Krenzin, Schulleiter und Vorsitzender der Schulpflegschaft an der Heinrich-Heine Gesamtschule (HHG) in Rheinhausen. Sie kritisieren nicht nur die sinkenden Schüler-Förderlehrer-Relationen. Sie bemängeln auch die Versorgung mit besonders geschultem Personal, das für eine gelungene Integration behinderter Kinder im Unterricht an Regelschulen notwendig ist: „Aus Sicht unserer Gesamtschule sind bereits die für die Lernen-Sprache-Kinder innerhalb der Budgetierung errechneten Lehrerwochenstunden das absolute, eigentlich zu geringe Mindestmaß an sonderpädagogischer Förderung für diese Kinder.“ Mit dieser errechneten Stundenzahl sollten Lehrer der Förderschulen an die Regelschulen abgeordnet werden, um dort Inklusions-Kinder zu unterrichten und die Kollegen an Regelschulen in ihrem Unterricht mit den Inklusions-Kindern zu beraten. „Tatsächlich ist es aber so, dass zurzeit selbst dieses Mindestmaß an Abordnung nicht erfüllt wird oder erfüllt werden kann“, bemängeln Derksen und Krenzin. Lehrer, Eltern und Schüler der Heinrich-Heine-Gesamtschule hätten wegen der deutlichen Unterbesetzung ihrer Schule mit sonderpädagogischen Lehrkräften zu Beginn des Schuljahres Kontakt mit dem Ministerium und allen Fraktionen des NRW-Landtages aufgenommen. Dies habe zur Folge gehabt, dass weitere Stellen für Förderschullehrer in Duisburg ausgeschrieben wurden. „Da diese Stellen aber nicht besetzt werden konnten, bleibt der Unterhang in der Besetzung mit Kollegen aus Förderschulen bis heute bestehen.“

Sechs Stunden besondere Förderung

Das Problem der Abordnung von Lehrern aus Förderschulen betreffe nicht nur die Heine-Gesamtschule sondern viele Schulen in der Region. „Deshalb haben sich die Schulpflegschaften unterschiedlicher Duisburger Gesamtschulen im November zum ersten Mal getroffen, um gemeinsam über diese Problematik zu beraten. Weitere Treffen werden folgen, auf denen Möglichkeiten diskutiert werden, die personellen und sächlichen Bedingungen einer gelingenden Inklusion ins Bewusstsein von Politik und Öffentlichkeit zu bringen.“

Auch Günter Terjung, Leiter der Erich Kästner Gesamtschule (EKG) in Homberg, seit dem laufenden Schuljahr „Schule des gemeinsamen Lernens“, setzt in Sachen Inklusion kritische Akzente: „Für die zugewiesenen sechs Förderschüler stehen uns sage und schreibe sechs Lehrerwochenstunden an sonderpädagogischer Förderung durch spezielle Lehrkräfte zur Verfügung! Die darüber hinaus für uns rechnerisch ausgewiesenen Förderlehrerstunden sind zur Zeit nicht besetzt. Die von der Schulaufsicht praktizierte pauschale Zuweisung von Förderlehrern ist hier in der Praxis wenig hilfreich. Hier haben wir das gleiche Problem wie alle anderen Schulen, die Förderschüler unterrichten müssen.“ Aus pädagogischer Sicht verstehe sich die EKG als Gesamtschule „alter Prägung“, auch bezogen auf die Förderschüler der individuellen Förderung verpflichtet. Wir unternehmen im laufenden Schuljahr umfangreiche Anstrengungen, um unter dem Leitmotto „Vielfalt gestalten“ die vorhandenen Ressourcen zu aktivieren, aber auch via Fortbildungsmaßnahmen von den Konzepten anderer Schulen zu profitieren. Terjung weiter: „Für das kommende Schuljahr sind bereits weitere Kinder angekündigt, wobei wir die Möglichkeiten der Förderung bei der Anmeldung jeweils mit den Eltern ausführlich besprechen und dann auch hoffentlich mit weiteren sonderpädagogischen Ressourcen versorgt werden.“ Terjung betont: „Die Förderung aller Kinder liegt uns als Gesamtschule generell besonders am Herzen und ist auch im aktualisierten Leitbild der Schule verankert. Die Inklusion der Förderschüler stellt aber eine Aufgabe dar, die ohne zusätzliche Ressourcen kaum zu leisten ist - und daran hapert es momentan allenthalben.“

 
 

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