Homberger Karl-Heinz K. wurde nur sechs Jahre alt

Die Stolpersteine vor dem Haus Nummer 27 an der Rheinstraße. Laut des Historikers Dirk Lachmann müsste es mindestens zwölf weiterer solcher Steine geben, die an Opfer des Nazi-Regimes erinnern.
Die Stolpersteine vor dem Haus Nummer 27 an der Rheinstraße. Laut des Historikers Dirk Lachmann müsste es mindestens zwölf weiterer solcher Steine geben, die an Opfer des Nazi-Regimes erinnern.
Foto: WAZ Fotopool
Der Junge aus Homberg wurde nur sechs Jahre alt, die Nazis töteten ihn in einer Wiener Nervenklinik. Ein Historiker möchte eine Art Enzyklopädie zum Mitmachen schaffen, Titel: „Homberg unterm Hakenkreuz“

Duisburg-Homberg..  Der Gedenktag zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz liegt erst wenige Tage zurück. Zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschenleben sind laut Schätzungen hier ausgelöscht worden, dem Völkermord durch die Nazis sind bis zu 6,3 Millionen Menschen zum Opfer gefallen. Eine weitere erschütternde Zahl: 5000 Kinder wurden bei der „Kinder-Euthanasie“ in sogenannten „Kinderfachabteilungen“ getötet. Mindestes eines dieser Kinder stammte aus Homberg.

So haben es Recherchen von Dirk Lachmann ergeben. Seit knapp einem Jahr erforscht der ehemalige Schulleiter und SPD-Ratsherr (75) mit einer kleinen Gruppe von Mitstreitern das Schicksal der Homberger Bevölkerung während der NS-Diktatur (wir berichteten). Inzwischen hat Lachmann eine vorläufige Gliederung erstellt, die Ergebnisse der umfangreichen Recherchen sollen als eine Art „Enzyklopädie zum Mitmachen“ ins Internet gestellt werden. Dazu später mehr.

Karl-Heinz K., so heißt der Homberger Junge, der mit gerade einmal sechs Jahren in Wien umgebracht wurde. Laut Dirk Lachmann hatte K. die Diagnose Epilepsie und wurde über Mönchengladbach nach Wien in die Anstalt „Am Spiegelgrund“ gebracht. „Die Leitung hatte K’s Mutter noch mitgeteilt, dass sich deren Sohn gut eingelebt habe, Nachforschungen ergaben dann aber, dass Kinder, die sowieso getötet werden sollten, keine angemessene Versorgung mehr bekommen haben.“ Der kleine Karl-Heinz sei dann am 16. Juni 1943, vermutlich nach einer Reihe von Medizinversuchen, gestorben. Die erbarmungswürdige Geschichte des Homberger Jungen sollte aber auch nach dessen Tod noch nicht beendet sein.

60 Interviews mit Zeitzeugen

Hobby-Historiker Dirk Lachmann hat inzwischen jede Menge Informationen rund um die Stadt Homberg und deren Bürger in der Nazi-Zeit erhalten. Unter anderem seien 60 Interviews mit Zeitzeugen ausgewertet worden. Herausgekommen ist dabei unter anderem eine Liste von 32 jüdischen Familien, die während der Zeit hier gelebt haben. Das Schicksal von 102 Homberger Juden wurde bekannt, zudem gibt es eine – sehr kurze – Liste mit Überlebenden der NS-Gräueltaten. „Bisher bekannt sind die Namen Paul Salomon, Eduard Singer, Helene Karten und Frau Weiß“, sagt Lachmann. Zudem gibt es eine Stichwörter-Liste, eine Chronologie der Ereignisse in Homberg und, und und.

Zurück noch einmal zu Karl-Heinz K.: Seine Mutter hatte ihn in Homberg begraben wollen, man teile ihr jedoch mit, dass der Junge bereits in Wien beerdigt worden sei. Das Geld, das Mutter K. für die Überführung überwiesen hatte, war verschwunden. Erst im Jahr 2002 wurden auf dem Wiener Zentralfriedhof die sterblichen Überreste von 600 ermordeten Kindern, die der Euthanasie in der Nervenklinik „Am Spiegelgrund“ zum Opfer fielen, beigesetzt.

Welches Ziel hat das umfangreiche historische Projekt von Dirk Lachmann und Co.? „Wir möchten, dass sich die Menschen mit dem Thema auseinandersetzen, besonders junge Leute sollen mit den Recherchen, unter anderem im Schulunterricht, arbeiten können.“ Man müsse diese Geschichte(n) jetzt erzählen, die letzten noch lebenden Zeitzeugen seien bereits sehr betagt. Angliedern möchte Lachmann das Homberger Material an entsprechende Wikipedia-Einträge zum Thema, Details zur Präsentation würden gerade erarbeitet.

Mitstreiter dringend gesucht

Zwei Dinge sind Dirk Lachmann, der die Recherchen federführend leitet, sehr wichtig. Zum einen möchte er darauf hinweisen, dass es in Homberg weiterer sogenannter Stolpersteine bedarf, die an Opfer des NS-Regimes erinnern. „Ich bitte die Namen Anton Burkelz, Karl-Heins Kersken und Alexander Ruland ebenso zu prüfen wie die Namen weiterer neun Homberger Bürger jüdischen Glaubens.“

Seine zweite Bitte: „Wir brauchen weitere Interessierte, die uns bei der Arbeit unterstützen.“ Aktuell würden ein befreundeter ehemaliger Lehrerkollege und er einen Großteil der Recherchen machen. „Es ist noch so unendlich viel zu erforschen, so alt kann ich gar nicht werden“.

Kontakt zu Dirk Lachmann: dirklachmann@arcor.de oder 02066/12970.

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