Duisburgs wohl bekanntester Brite ruft zu Europa-Wahl auf

Martin Krampitz
Robert Tonks ist stellvertretender Leiter der im Homberger Bezirksrathaus untergebrachten „Stabsstelle für Wahlen, Europaangelegenheiten, Informationslogistik“.
Robert Tonks ist stellvertretender Leiter der im Homberger Bezirksrathaus untergebrachten „Stabsstelle für Wahlen, Europaangelegenheiten, Informationslogistik“.
Foto: WAZ FotoPool
Duisburgs wohl bekanntester Brite, Robert Tonks, ist überzeugt: Bürger sollten bei Europawahl am 25. Mai wählen. EU brachte Frieden, Verständigung, Wohlstand, Zusammenarbeit. Was Europa für den Duisburger Westen brachte, verrät er im Interview.

Duisburg-Homberg. Am Sonntag, 25. Mai, steht außer der Kommunalwahl in NRW auch die Europawahl an. Genau genommen, wählen die Bürger der 28 Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) vom 22. bis 25. Mai das neue Europaparlament in Straßburg, das über europäische Gesetze mitentscheidet. Grund genug, mit Robert Tonks zu sprechen, der wohl bekannteste Brite Duisburgs ist ausgewiesener Europaexperte.

Warum ist die Europawahl auch für die Bürger in Duisburg wichtig? Warum lohnt es sich, am 25 Mai bei der EU-Wahl mit abzustimmen?

Unsere mit Hilfe des Europäischen Integrationsprozesses inzwischen versöhnten, und erst im hohen Alter in Frieden verstorbenen Väter haben ihre Kinder vor allem eins beigebracht: Demokratie und Frieden sind kein Geschenk, sondern sie müssen immer wieder neu erarbeitet und organisiert werden. Die freiheitliche Grundlage dieses Organisierens bildet das Wahlrecht. Wie schnell es mit dem Frieden in Europa vorbei sein kann, zeigen uns die Beispiele in Ex-Jugoslawien und in der Ukraine.

Wie genau profitiert Deutschland, Duisburg und der Westen unserer Stadt von Europa?

Die kommende Wahl ist die erste seit Inkrafttreten des Lissabonner Vertrags, der dem Parlament deutlich mehr Kompetenzen zuspricht. Das Parlament entscheidet nicht nur über den Haushalt, sondern bestimmt auch den Präsidenten der Europäischen Kommission auf Vorschlag des Europäischen Rats. Wir Wähler bestimmen also mit über die Spitze der nächsten Europäischen Kommission, die für europaweite Regelungen, die Einhaltung des europäischen Rechts und die Verwaltung der Finanzmittel verantwortlich ist. Duisburg, auch sein Westen, gehören zum Niederrhein, der den größten Binnenhafen Europas beheimatet. Die Rolle unseres Hafens in der globalen Wirtschaft ist groß: 2012 machte der Handel Deutschlands mit der EU knapp 60 Prozent des deutschen Außenhandels aus. Kein Wunder, dass Containerumschlag und damit die moderne Logistik im Duisburger Hafen kontinuierlich wachsen. Der Wirtschaftsstandort Duisburg und Deutschland profitieren zunehmend von der wirtschaftlichen Entwicklung, bei der der Duisburger Hafen zum Tor von NRW nach Europa und zur Welt avancierte.

Welche Vorteile und Fortschritte haben uns rund 60 Jahre gemeinsame europäische Politik gebracht?

Gemeinsam haben wir die Lebensqualität verbessert. 2013 löste der Pferdefleischskandal eine Welle der Empörung in der EU aus. Dann setzte das Europäische Parlament durch, dass ab Dezember 2014 die Verbraucher von einer Anhebung der Standards in der Kennzeichnungspflicht so profitieren, dass sie über den Inhalt und die Zutaten von Lebensmitteln besser informiert werden müssen. Generell kann man feststellen, dass die Erhöhung von Standards einen Einfluss auf die Lebensqualität und Lebenserwartung hat. Dass von allen EU-Ländern Deutschland als „Exportweltmeister“ wirtschaftlich am meisten von der EU-Mitgliedschaft profitiert, wirkt sich positiv auf den hiesigen Lebensstandard aus. Der sich in Frieden entwickelnde Europäische Integrationsprozess bewirkte, dass in den letzten 50 Jahren die Lebenserwartung um zehn Jahre stieg. Sie ist höher als in den meisten anderen Welt-Regionen.

Ganz konkret, wie haben Duisburg und seine Bürger von der europäischen Politik profitiert?

Erhebliche Summen aus den unterschiedlichen EU-Töpfen flossen in den vergangenen Jahrzehnten nach Duisburg, die den Strukturwandel begleiteten. Aus dem Europäischen Fonds für Regionalentwicklung wurden namhafte große Infrastrukturmaßnahmen wie der Innenhafen, Landschaftspark oder Logport finanziert. Von den Mitteln aus dem Europäischen Sozial Fonds profitierten Tausende Arbeitnehmer an vielen Bildungs-, Qualifizierungs- und Arbeitsmarktmaßnahmen. Dank grenzüberschreitender, interregionaler Projekte profitierten viele Unternehmen, Universitätsfakultäten, die Kammern, Schulen und die Stadt vom Wissenstransfer mit unseren Nachbarn in Europa.

Gibt es auch Beispiele aus dem Duisburger Westen? Wo genau hat die EU hier Projekte unterstützt?

Ich erwähnte den Hafen. Ein wesentlicher Bestandteil von Duisport ist Logport. Dass sich Duisport zur kontinentalen Drehscheibe der niederländischen und belgischen Nordseehäfen und Rotterdam zum wichtigsten Seehafen der EU entwickeln würden, zeichnete sich bereits vor 20 Jahren ab. So war es nur folgerichtig, dass Logport auch mit Hilfe großer EU-Mittel gefördert werden konnte.

Kann das EU-Parlament überhaupt genug selbst entscheiden?

Die Europäische Einigung ist ein Prozess von heute 28 demokratischen Staaten, der Zeit braucht. Das Europäische Parlament ist ein besonderes, noch nie da gewesenes Parlament der Völkerverständigung. Seit der ersten Direktwahl 1979 hat das größte transnationale Parlament der Welt seine Kompetenzen Zug um Zug ausgebaut. Heute beschließt es mit dem Ministerrat Gesetze, die in allen EU-Mitgliedstaaten gültig sind, unser tägliches Leben betreffen.

Das Krupp-Gymnasium in Rheinhausen ist eine Europaschule. Was kann eine Europaschule leisten?

Unser „Haus Europa“ braucht neue Energie, Nachwuchs. Junge Menschen mit Wurzeln in 150 Ländern besuchen Duisburger Schulen. Alle 28 EU-Mitgliedsstaaten sind an den Duisburger Schulen vertreten. Europaschulen stiften Identität: Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die meisten Rheinhausener Europaschüler ihr Leben lang mit Europa identifizieren.

Das ist Robert Tonks


Robert Tonks wurde in Wales geboren und wuchs dort auf. Ab 1975 studierte der heute 59-Jährige an der Gesamthochschule Duisburg zunächst Germanistik. 1984 wurde er Diplom-Sozialwissenschaftler, Schwerpunkt Politische Wissenschaft. Heute lebt der fließend Deutsch sprechende Tonks in Duisburg - seine erste Wohnung war in Homberg - und arbeitet seit 1994 bei der Stadt als Europareferent.

Heute ist er stellvertretender Leiter der „Stabsstelle für Wahlen, Europaangelegenheiten, Informationslogistik“. Die Behörde, seit 2012 im Bezirksrathaus Homberg untergebracht, organisiert unter anderem alle Wahlen in Duisburg, auch die Europawahl. Daneben ist Tonks Chef der hiesigen Deutsch-Britischen Gesellschaft mit 40 Mitgliedern, Vorstandsmitglied der Europa Union Duisburg Niederrhein und Mitglied der Deutsch-Französischen Gesellschaft. Er ist Moderator, Buchautor Kabarettist und „Welcome Guide Ruhr“.