Duisburg-Rheinhausen, die Bunkerstadt

Rechts und links dieses schmalen Ganges saßen bis zu 250 Menschen. Damals waren zwischen den Steinvorsprüngen Bänke montiert. Foto: Lars Fröhlich / WAZ FotoPool
Rechts und links dieses schmalen Ganges saßen bis zu 250 Menschen. Damals waren zwischen den Steinvorsprüngen Bänke montiert. Foto: Lars Fröhlich / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool

Rheinhausen.. 63 Schutzräume gibt es allein in Rheinhausen. Die Serie „Bunker des Westens“ macht sich auf Spurensuche. Im ersten Teil geht es um den verstärkten Erdbunker unter dem Hochemmericher Markt.

Man mag die Aussage dieses Rheinhausers ketzerisch nennen. Vermutlich hat der Mann – er will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen – aber sogar recht: „Rheinhausen würde den 3. Weltkrieg überstehen, so viele Bunker haben wir hier“. Die Zahl (siehe Infobox rechts) ist in der Tat beachtlich, die Stadt gilt als DIE Bunkerstadt in Deutschland. Viktor Waamelink, Heimatforscher aus Homberg, hat in seinem Buch „Der vergessene Krieg“ die Nähe zum Krupp-Areal für die große Anzahl an Schutzräumen verantwortlich gemacht. In einer Serie machen wir uns auf die Suche nach den Hochbunkern und Deckungsgräben im Duisburger Westen. Und auch nach Zeitzeugen, die etwas zu den Relikten dunkelster deutscher Geschichte erzählen können.

Rudi Lisken (77), allgegenwärtiger Kartoffelhändler und Kommunalpolitiker, kümmert sich ehrenamtlich um die Überreste des ehemals ein Quadrat bildenden unterirdischen Bunkers. Zunächst aber ein paar Fakten: Etwa ab 1941 wurde er gebaut – viele der Bunker hatte die Firma Krupp errichtet. Parallel zu den den Markt umschließenden Straßen verlaufen Gänge. Sie bilden den Bunker, einen großen Sammelraum gibt es nicht. 250 Leute fanden Zuflucht, Hinein ging’s und geht’s über schmale Treppen in den beiden Backsteinhäuschen an den Ecken des Marktes. Rechts und links der Gänge hockten sie dann auf schmalen Holzbänken. Diese sind bereits kurz nach dem Krieg verschwunden.

„Im Bunker übernachtet“

„Als Kind haben wir den Krieg beinahe schon als Spiel empfunden“, sagt Lisken. Nie habe er etwa vor Bomben weglaufen und sich schützen müssen. Nur gelegentlich sei er damals bei Angriffen unter dem Marktplatz gewesen. Als der Beschuss durch die Alliierten ab 1943 aber massiver geworden war, kamen die Kinder in den Hochbunkern, etwa an der Güntherstraße, unter. „Wir haben sogar in den Bunkern übernachtet.“

Nach dem Krieg hatte man versucht, die Gänge unter dem Markt zu sprengen. Erfolglos, Stein und Stahl sind offenbar für die Ewigkeit gebaut worden. Wann genau der Weinhändler Breeker in dem Bunker seine Ware gelagert hat, weiß Rudi Lisken nicht mehr ganz genau. Etwa Mitte der 1970er habe der Händler dann aber sein Geschäft aufgegeben, die letzten Pullen verschwanden von unter Tage.

Hier beginnt die Geschichte von Rudi Lisken. „Ich habe mich immer sehr für die die Entwicklung meiner Heimatstadt interessiert. Irgendwann hatte ich die Stadtverwaltung gefragt, ob ich mal in den Bunker gehen dürfe.“ Er durfte und bekam den Schlüssel. Den hat er noch heute und kümmert sich ehrenamtlich um die Erhaltung der massiven Gewölbe. Die Stadt und auch der Besitzer – sämtliche Bunker befinden sich, sollten sie nicht verkauft sein, im Bundebesitz – scheinen froh über das Engagement des 77-Jährigen. Gemeldet hat sich bisher niemand bei ihm.

Überrascht war Lisken, als er den Bunker erstmals nach dem Krieg betreten hatte: „Kaputt war dort unten eher wenig, dafür war es aber umso dreckiger.“ Zusammen mit der Freiwilligen Feuerwehr Rheinhausen hatte er vor vielen Jahren einmal eine Grundreinigung gemacht. Inzwischen liegt auch Strom unter dem Marktplatz. 50 Meter Kabel hat Rudi mit seinem Sohn Rudi Junior hinuntergeschleppt und installiert.

Vorträge unter Tage

Regelmäßig bittet Lisken Bürger in den Luftschutzkeller, dort baut er dann einen Diaapparat auf und zeigt Bilder von früher (wir berichteten). „Der Zulauf ist enorm, immer wieder werde ich auch von jungen Leuten gefragt, wann ich denn mal wieder eine Veranstaltung im Bunker mache.“ Der nächste Vortrag kommt bestimmt. Die Gäste können sich dann auch eine kleine Bilderausstellung zur Geschichte Rheinhausens ansehen, die er neben der Treppe im Bunkerhäuschen aufgebaut hat.Spezial

Um die 5000 Euro hat Rudi Lisken über die Jahre in die Renovierung „seines“ Bunkers gesteckt. Einen Teil aus eigener Tasche, beim Rest hatte ihm unter anderem Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) unter die Arme gegriffen. „Er hat mir viel geholfen und Kontakte zu Investoren vermittelt.“

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