Der Kantor und das Moderne

Stephan Sadowski

Der Kantor der Christuskirche, Jürgen Kuns, bleibt eine musikalische Wundertüte: interpretierte er mit seinem Orchester und seinen beiden Kantoreien in den vergangenen Jahren noch Auszüge aus dem Weihnachtsoratorium von Bach, so gab es dieses Mal zum 1. Advent den krassen Gegensatz zum Barock : ein sehr modernes Magnificat von John Rutter. Das Stück ist 1990 in der Carnegie Hall in New York uraufgeführt worden und ebnete den internationalen Durchbruch des englischen modernen Komponisten.

In der Hochemmericher Christuskirche hörten etwa 120 Zuschauer die seltene siebenteilige, kammermusikalische Version, mit vielen Holzbläsern, Harfe und Geigen, sowie Percussion. Direkt richtig fröhlich starteten die etwa 50 vor dem Altar versammelten Musiker in die Anrufung der Maria. Mit „Magnificat anima mea“ schwangen Chor und Orchester sich farbig ein, und das Thema dabei erinnerte an den Auftakt von Leonard Bernsteins „Westside-Story“.

Der nächste Teil hatte eher verträumte, folkloristische Sequenzen in „Of a Rose“, dann aber schrill klingende Chorsätze, die sich mit Streichern und Bläsern schlussendlich harmonisch versöhnten.

Jürgen Kuns zog es die Fliege aus: „Ich glaube, meine Erkältung bahnt sich ihren Weg“, sagte der leicht verschnupfte Dirigent und löste die Enge um seinen Hals. Sopranistin Ute Steinhauer verzauberte die Zuhörer mit ihrer melancholischen Interpretation von „Et misericordia“, in denen sie feine Passagen im Wechsel mit dem Chor hatte, dabei die Harfe und die Hornbläser ihre Vielfarbigkeit entfalten konnten. Und irgendwie fiel es kaum auf, dass Jürgen Kuns die Vertonung des Ersten Psalms von Sigrid Karg-Elert in das Magnificat hinein setzte, und Ute Steinhauer und er diese sehr freie, fast improvisatorisch anmutende Komposition sehr anrührend interpretierten.

Perfekte Gesangstechnik

Die versierte Sängerin konnte ihre perfekte Gesangstechnik bei vielen Oktavsprüngen zeigen, zu denen Kuns Orgelspiel verleitete. Im abschließenden „Gloria Patri“ des Magnificat wurde es noch mal richtig gewaltig, wieder schimmerte das treibende Bernstein-Thema durch, und Chor und Orchester endeten in der urgewaltigen Passage „et in saecula saeculorum“.

Gerade die Geigen zeigten ihre Spielfertigkeit beim anschließenden „Exultate, Jubilate“, einer Solomotette von Wolfgang Amadeus Mozart. Konzertmeister Ron Koprivica vom Duisburger Klangkraftorchester verlieh mit seinen besaiteten Mitstreitern der Motette den höfischen rhythmischen Unterbau, auf dem Ute Steinhauer ihren Stimmumfang mit feinen Koloraturen ausbreiten konnte: Gerade in der Arie „Tu virginum Corona“ zeigte sie ihr Können mit einer fließenden Gesangslinie und versöhnlich wurde es beim „Alleluja“, dem letzten Teil der Motette.

Die scheinbar gewagte Mischung des adventlichen Konzerts wurde lange mit stehenden Ovationen bedacht – das Konzert wird noch einmal mit den Kantoreien der Christuskirche und Rumeln-Kaldenhausen, sowie dem Orchester der Christuskirche am Sonntag, 11. Dezember, um 17 Uhr in St. Marien in Rumeln aufgeführt, bei freiem Eintritt auf Spendenbasis.