Arbeitskreis zieht Bilanz seiner Integrationsarbeit in Duisburg-Rheinhausen

Martin Krampitz
Beim Neujahrsempfang des Arbeitskreises Christen und Muslime in Duisburg-Rheinhausen ziehen die Mitglieder Bilanz. Foto: Lars Fröhlich / WAZ FotoPool
Beim Neujahrsempfang des Arbeitskreises Christen und Muslime in Duisburg-Rheinhausen ziehen die Mitglieder Bilanz. Foto: Lars Fröhlich / WAZ FotoPool
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Der Arbeitskreis Christen und Muslime in Rheinhausen zog beim Neujahrsempfang eine Bilanz seiner bisherigen Arbeit. In einem waren sich alle Beteiligten einig: Mehr türkische Mitbürger müssen die deutsche Sprache lernen.

Rheinhausen. Eine typische Situation: Eine türkische Mutter kommt mit ihrem Sohn oder ihrer Tochter zum Kinderarzt, deutet auf Kopf oder Bauch. Der Arzt stellt Fragen, um eine präzise Differentialdiagnose zu stellen. Aber die Mutter kann ihm nicht antworten: Sie kann kein Deutsch. Mit einem beispielhaften Projekt, das beim Neujahrsempfang des Arbeitskreises Christen und Muslime soll sich das zumindest in Hochemmerich ändern: Türkische Mütter lernen Deutsch.

Das sich etwas ändern muss, dass mehr türkische Mitbürger die deutsche Sprache lernen müssen, um eine bessere Integration in die Mehrheitsgesellschaft zu realisieren, darüber waren sich alle Gäste des Arbeitskreises im katholischen Pfarrheim von St. Barbara in Hochemmerich, darunter der SPD-Landtagsabgeordnete und Chef des DGB Duisburg-Niederrhein, Rainer Bischof, sowie Bezirksbürgermeister Winfried Boeckhorst, im Grundsatz einig. Nur: Wo und wie?

Großes Netzwerk der Hilfe

Bei der 2008 gegründeten „Familienhilfe Sofort vor Ort“ der Diakonie Rheinhausen, unterstützt vom Jugendamt und einigen Wohlfahrtsverbänden. Projektleiterin Ipek Gedek: „Ziel ist es, Familie in sozial schwierigen Situationen schneller zu helfen. Dafür haben wir ein großes Netzwerk gebildet. Das Angebot zu Erziehung, Bildung und Ausbildung ist niedrigschwellig, um Barrieren zu überwinden.“

Inzwischen hat es die Familienhilfe geschafft, viele türkische Frauen in Hochemmerich für ihre Unterstützung zu gewinnen. „Bei einer Bestandsaufnahme haben wir dann festgestellt, dass bei den Frauen zwei Wünsche im Vordergrund standen: Hilfe bei der Erziehung der Kinder und Erwerb der deutschen Sprache.“ Darum hat die Familienhilfe in einer ehemaligen Krupp-Wohnung an der Ursulastraße vor einiger Zeit ein Sprachcafé eröffnet.

"Es ist fast zu spät"

Im Projekt ZIB – Zukunft Integration Bildung, der Diakonie-Tochter „Neue Arbeit Niederrhein“, werden seit drei Jahren die Zukunftschancen junger Migranten nachhaltig verbessert. Projektleiterin Yüksel Kasarca: Zielgruppe sind Schüler der 8. bis 10. Klasse. „Oft ist es immer noch so, dass Schüler der zehnten Klasse mit schlechten Zeugnissen zu uns kommen“, so die Hochemmericherin Kasarca.

Dann ist es fast zu spät. Wir können ihnen dann nicht mehr helfen.“ Deshalb setzt ZIB bereits in der 8. Klasse an: „Ab da begleiten wir die Schüler aus türkischen Familien drei Jahre lang und fördern sie in ihren persönlichen Kompetenzen.“ Dazu gehören in der Klasse 8 Seminare zu den individuellen Berufswünschen, die Erarbeitung eines gemeinsamen Förderplans, Elternabende zu Bildungs- und Berufsthemen sowie Schülerpraktika in der Arbeitswelt. Wir bieten Nachhilfe in Hauptfächern an und vermitteln kognitive und berufsbezogene Sprachkenntnisse“, so Yürksel Kasarca.

Workshops

In der neunten Klasse trainiert ZIB mit den Schülern zunächst erfolgreiche Bewerbungen, fördert persönliche, soziale und fachliche Schlüsselkompetenzen und organisiert gemeinsame Workshops für Schüler und Eltern an. Die anschließende interaktive Arbeit dient der Persönlichkeitsbildung und dem Selbstwertgefühl.

In der zehnten Klasse begleiten und coachen Paten die Schüler auf ihrem Ausbildungsweg ganz individuell, bevor sie gründlich auf die zentrale Abschlussprüfung an ihrer Schule vorbereitet werden. Die Paten helfen den Schülern auch, einen passenden Ausbildungsplatz zu bekommen. „Die Nachhilfe wird nachmittags, die Seminare am Wochenende angeboten.“ In Rheinhausen nutzen u.a. die Lise-Meitner-Gesamtschule und die Realschule am Körnerplatz das Angebot.

„Gerade in diesem Jahr ist der Neujahrsempfang hier sehr wichtig“, hatte Gerda Peto, Leiterin des 1996 gegründeten Arbeitskreises, die Gäste begrüßt. Denn man wisse ja um den Konflikt um die Nizam-i-Alem-Moschee am Hochemmericher Marktplatz. „Wir müssen jetzt sehr viel arbeiten, um einen neuen Zusammenhalt zu bekommen und ein Auseinanderbrechen zu verhindern. Alle wissen, wie wichtig unsere Zusammenarbeit ist. Frieden und Friedfertigkeit sind das Wichtigste in unserer Gemeinschaft.“ Die Moscheevertreter waren erkrankt und ließen sich diesmal entschuldigen. Dafür nahmen zahlreiche türkische Mitbürger, u.a. Vertreter der Eyp-Sultan-Moschee an der Atroper Straße, am Neujahrsempfang teil.