50 Jahre als Jeck „inne Bütt“

Foto: Ulla Emig/WAZ FotoPool

Angemaltes blaues Auge, Kapotte-Hütchen auf dem kopf, ein übergroßes orangefarbenes T-Shirt mit aufgedrucktem Clowngesicht unter hellblauer Küchenschürze. So kennen die Jecken der Region den 66-jährigen Jürgen Willems, der sich jetzt nach 50 Jahren aus der Bütt in den Ruhestand verabschiedet. Den letzten Auftritt absolvierte er unwiderruflich am 1. Februar bei der Traditionssitzung der Asterlager SPD in der Gaststätte Nellen-Krause.

Viktor Waamelink entdeckte Talent

Für Willems, auch weiterhin Präsident des Elferrates Kolping Homberg, kam durch die katholische Arbeiterbewegung zum Karneval: „Wir hatten damals eine Jugendgruppe, die im Kolpingverein sang. Da kam der alte Elferratspräsident Viktor Waamelink auf uns zu und luf uns ein, bei den Karnevalssitzungen mit zu machen.“ Die fanden damals, zu Beginn der 1960er Jahre noch im Homberger Rheingarten statt, heute Standort des Hotels am Rhein. „Wegen des Neubaus sind wir dann mit den Karnevalsveranstaltungen in das katholische Vereinsheim gezogen.“

Reden wie Jürgen von Manger

Willems, der dann eine Ausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann absolvierte, gewann Spaß am Karnevals und begann durch Förderung des älteren jecken Redefuchses Werner Buller eigene Büttentexte zu schreiben. Dabei präsentierte sich Willems als Vertreter der jungen Generation, die damals kritisch und humorvoll gesellschaftliche Erscheinungen unter die Lupe nahm.

„Mit meinem damaligen Partner Norbert Nolden habe ich auch viele Gesangsauftritte bestritten.“ Und als Nachahmer des noch heute unvergessenen damaligen Gesellschafts- und Sprechkomikers Jürgen von Manger machte sich der junge Willems einen Namen. Das kam an bei den Narren der Region. In den ersten zehn Jahren pendelte er zwischen Moers, Homberg und Rheinhausen, war auch ab Einweihung der Glückauf-Halle als Narrenhochburg im Programm.

Als er dann verheiratet war, wechselte er auch die Rolle in der Bütt: „Ich habe mit den vertrottelten Ehemann ausgedacht, der alles durcheinanderbringt und von der Unbill des Alltags überrollt wird.“ Das begann beim Kochen, und war beim Saubermachen und Spülen noch lange nicht zu Ende. Man muss eben nicht immer neues Geschirr kaufen, wenn das alte schmutzig ist. Man kann auch Pappteller nehmen.

Irrfahrten ohne Mobiltelefon

Als er von einer Moerser Agentur betreut wurde, häuften sich die Auftritte und die Auswärtsfahrten. Willems: „Das war manchmal eine Irrfahrt. Es gab kein elektronisches Kartenverzeichnis im Auto und auch noch kein Mobiltelefon.“ Die Beschreibung der Veranstaltungshallen beschränkte sich oft auf den Namen der Stadt mit der Angabe: „Stadtmitte“. Später stellte sich heraus, dass die Sitzung in einem Zelt neben der Dorfkirche statt fand.

Zwischen 40 und 50 Auftritte hat Willems pro Jahr hinter sich gebracht. Er spielte von Geilenkirchen bis Goch, von Kleve bis Dortmund, von Homberg bis Telgte. „Über 1700 Auftritte werden es wohl geworden sein, manchmal drei bis fünf Auftritte pro Abend.“ Einmal ließen ihn die Narren nicht aus Eupen weg, erzählt er: „Sie forderten Minuten lang: immer wieder auf und nieder und ich musste mich verbeugen und Zugaben geben.“ Mit dem Ergebnis, dass er bei der darauf folgenden Veranstaltung am selben Abend im Nachbardorf zu spät kam: „Die waren mit Hofstaat und Präsidium schon beim Auszug, als ich ankam.“ Mit Mühe hätte er die Narren dann doch noch zu seinem Auftritt überreden können.

Stolz und dankbar ist Willems, dass er zur rechten Zeit dem jecken Nachwuchs beim Elferrat Kolping eine Chance geben durfte: „Ich sehe noch wie gestern, als der 14-jährige Klaus Rupprecht bei uns zu Hause im Wohnzimmer saß und sich um einen Auftritt für die Kolping-Elferratsitzung bewarb.“ Willems nahm den Jungen, der heute mit seinem Affen Willi der meist gebuchte Bauchredner Deutschlands ist - und aus tiefer Freundschaft seit einigen Jahren dort als Sitzungspräsident wirkt.

Natürlich können Narren, weiß Willems aus Erfahrung, mit dem Karneval auch Geschäfte machen. „Ich habe bei meinem Arbeitgeber den Umsatz in der Session in sechs Jahren um das Zehnfache gesteigert.“ Er war bei einem führenden deutschen Großmarktbetreiber in Dortmund tätig. „Als ich anfing, hatten wir einen Jahresumsatz von 20 000 Euro. Als ich in den Ruhestand ging, waren es 200 000. Man hat mir zu Beginn meiner Tätigkeit gesagt: ,Mach nix mit Karneval. Hier ist Diaspora.’ Aber dann habe ich 25 Vereine in Stadt und Umland an geschrieben, die alle mitzogen.“

Ergebnis: Tonnen von Wurfmaterial für die Umzüge wurden bei Willems’ Firma geordert. Die Idee der gewerblichen Karnevals-Messe hat er mitentwickelt. „Wir haben damals das Gewicht des Karnevalsprinzen mit Süßigkeiten ausgeglichen und diesem die gewogene Menge geschenkt.“ Darum, mag ein Jeck jetzt denken, sind in manchen närrischen Regionen die Prinzen so gut genährt.

 
 

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