Wenn Kicker auf dem Bertasee zum Paddel greifen

Von Miriam Lenkeit
Flotte Sprüche beim Paddeln. Die Fußballer aus Bochum gaben alles
Flotte Sprüche beim Paddeln. Die Fußballer aus Bochum gaben alles
Foto: Christoph Wojtyczka / WAZ FotoPo

Duisburg-Neudorf. Wie Wächter der Weisheit ragen die zwei goldenen Drachenköpfe aus dem Wasser. Seltsam erhaben ruhen die Geschöpfe über dem Bertasee und es scheint, als könne sie niemand aus der Ruhe bringen – nicht einmal eine vor Testosteron strotzende Horde Fußballer.

Genau die stürzt sich nämlich gerade tosend in die zwei riesigen Boote. Die 18 Jungs vom Bochumer Club „Concordia Wiemelhausen 08/10“ befinden sich mitten im Trainingslager und diesmal steht Drachenbootfahren auf dem Programm. „Eine teambildende Maßnahme“, sagt der sportliche Leiter Uwe Gottschling und grinst.

Typische Anfängerfehler

Während Steuermann Robert Groppe noch auf typische Anfängerfehler hinweist, greifen die ersten bereits übermütig zum Paddel. Es wird gegrölt, gefeixt und prognostiziert, was das Zeug hält. Wer wird das geplante Rennen später gewinnen? „Ihr seid ja schlimmer als eine Mädchenklasse“, stellt Groppe amüsiert fest, bevor er Kollege Johannes Sellmann, der das zweite Drachenboot betreut, ein Zeichen zum Ablegen gibt.

Noch etwas unbeholfen bewegt die erste Gruppe das rund 250 Kilogramm schwere Boot Richtung Seemitte. Derweil führt Groppe in die Geheimnisse des Drachenbootfahrens ein: „Lektion Numero eins: Hier paddelt keiner nur für sich. Ihr müsst eine Einheit sein, sonst funktioniert das nicht.“ Energisch zählt der Fachmann den Takt. Und eins, und zwei, und drei. Sichtlich bemüht stechen die Jungs ihre Paddelblätter in den See, doch Synchronität ist offensichtlich nicht des Fußballers Stärke. „Gleich-mä-ßig“, ruft Groppe noch, doch da klagen die ersten schon über Rückenschmerzen.

Erst einmal dehnen

Nun gut, jetzt wird sich erst einmal gedehnt. Leider bevorzugen es die meisten Kicker, chauvinistische Kommentare ans Konkurrenzboot zu senden, anstatt sich auf die Übungen zu konzentrieren. „Guckt mal, während ihr noch lernen müsst, wie dat geht, dürfen wir schon dehnen“, tönt Trainer Thomas Gerner übers Wasser. Die Bemerkungen ihrer halbstarken Besatzung ignorierend steuern Groppe und Sellmann langsam Richtung Parallelkanal.

Ganz allmählich werden die Bewegungen routinierter, die Hintermänner nur noch bei jedem dritten Zug „versehentlich“ nass gespritzt. Der Moment der Entscheidung rückt näher. Eine kurze Absprache zwischen den Steuermännern genügt und es steht fest: ab zur Regattabahn. Auf der 250-Meter-Strecke sollen die Helden zeigen, was in ihnen steckt. Ehrgeizig üben die beiden Teams den perfekten Start. Vorbei an Spaziergängern, die am Ufer des Kanals durch die Abendsonne schlendern, erkämpfen sich die Jungs ihren Weg zur Startlinie.

Wie eine wild gewordene Herde

Kurz noch die imaginären 5000 Zuschauer auf der Tribüne gegrüßt, dann tauchen die Kerle wie eine wild gewordene Herde ihre Paddel ins Wasser. Immer und immer wieder. Noch 100 Meter. Schrill gellen die Kommandos der Steuermänner. Mit hochroten Köpfen und schmerzverzerrten Gesichtern nähern sich die Teams dem Ziel. Sie stöhnen, sie ächzen. Noch 50 Meter. Noch 25 Meter. Jetzt nur nicht aufgeben. Der letzte Zug vorm Ziel. Und...unentschieden!

Beide Boote erreichen zeitgleich das Ziel. Erschöpft sacken die Helden in sich zusammen. Die Muskeln schmerzen, die Hand krampft. Was für ein Rennen. Nur die Drachen am Bug der Boote scheinen davon unberührt.