Wenn es in die Hose geht

Dr. med Andreas Köhler vom St. Barbara Hospital ( Helios) in Duisburg ist Oberarzt auf der Station für Coloproktologie.
Dr. med Andreas Köhler vom St. Barbara Hospital ( Helios) in Duisburg ist Oberarzt auf der Station für Coloproktologie.
Foto: WAZ FotoPool
Sechs Millionen Menschen sollen in Deutschland an einer Form von Stuhlinkontinenz leiden. Viele gehen aus Scham nicht mehr vor die Tür. Dabei gibt es diverse Behandlungsmethoden - seit neuestem auch einen Schrittmacher für den Beckenboden.

Duisburg.. Die Angst begleitete sie vier Jahre lang bei jedem Schritt. Die Angst, sich in die Hose zu machen, weil sie nicht einhalten kann. Dabei ist sie erst 32 Jahre alt. Stuhlinkontinenz plagt deutschlandweit über sechs Millionen Menschen. Viele schämen sich, fragen nicht um Rat, vereinsamen. Dabei gibt es ebenso viele Ursachen wie es Möglichkeiten zur Hilfe gibt.

Hemmschwellen senken

Der Proktologe Dr. Andreas Köhler will eine Lanze für sein Fach brechen, Hemmschwellen senken. „Nicht mit den Fingern kann man am besten fühlen, sondern mit dem Popo“, macht der Oberarzt Staunen. Mit diesem sensiblen Organ könne man fühlen, ob man sofort zur Toilette muss oder noch einhalten kann.

In der Gesellschaft gelte die Kontinenz als normal. „Sie ist aber der Idealzustand, der sich in der Kindheit erst entwickelt und im Alter wieder verloren geht.“ Das erklärte Ziel der Proktologie in der Helios St. Barbara Klinik ist, die kontinente Phase so lange wie möglich zu erhalten.

Vertrauen gewinnen

Bis eine Diagnose steht, das dauert. Die erste Hürde ist für Köhler, das Vertrauen der Patienten zu gewinnen, damit sie mit ihm über intimste Details überhaupt reden können. Dann geht es um Häufigkeit von Stuhlgängen und Konsistenzen, um andere Krankheiten, um Medikamente.

Per Ultraschall kann kontrolliert werden, ob die Schließmuskel intakt sind. Bevor der Chirurg zum Messer greift, werden erst alle konservativen Verfahren ausgeschöpft. Verletzungen, wie sie bei Geburten passieren, werden an den ringförmigen Muskeln in Uhrzeiten angegeben. Zehn bis zwei Uhr ist ein Riss, den man in einer Operation wieder nähen kann. Bei aufwendigeren Operationen kann man sogar Oberschenkelmuskel wie durch Tunnel als neuen Schließmuskel verlegen.

Beckenboden-Schrittmacher

Seit zwei Jahren sammelt Köhler jetzt auch Erfahrungen mit einem Beckenboden-Schrittmacher. Dabei werden minimalinvasiv haarfeine Elektroden am Steißbein vorbei an den Nerven des Muskels angedockt, diese „verstärken den Reflexmechanismus in seinem naturgegebenen Rahmen“, erklärt Köhler.

Von dem Verfahren hat er auch die 32-jährige Duisburgerin überzeugt. Sie mag ihren Namen verständlicherweise nicht verraten. Unter der Geburt erlitt sie einen Dammriss. „Eine dreiviertel Stunde hat man mich geflickt, danach konnte ich drei Monate nicht richtig sitzen“, erinnert sie sich. Weitere vier Jahre plagte sie sich mit dem (Nicht-) Einhalten herum, bis sie bei Köhler landete und er die OP empfahl.

„Als er mir das sagte, hab ich gedacht, der Mann spinnt“, bekennt die Patientin. Zuvor hatte der Frauenarzt schon lange auf sie eingeredet, sich endlich Hilfe zu holen, also wagte sie sich an den Test für das Schrittmacher-Verfahren, ließ sich probehalber Elektroden anlegen. „Es kribbelte ein bisschen“, erzählt die zweifache Mutter, „und ich konnte schnell besser den Stuhlgang kontrollieren“.

„Mein kleiner Freund“

Überzeugt war sie aber immer noch nicht. „Als die Sensoren wieder weg waren, war auch der Effekt weg, da wollte ich sofort operiert werden“, erzählt die Duisburgerin. Vor einer Woche war es soweit. Jetzt trägt sie eine kleine Batterie um die Hüfte, „meinen kleinen Freund“ nennt sie ihn. Wer fragt, dem sagt sie, es sei ein MP3-Player. Wenn in zwei Wochen alle Elektroden verschaltet, alles gut eingeheilt ist, wird auch die Batterie in der Hüfte implantiert. Und dann muss die 32-Jährige nur noch jährlich zur Kontrolle und alle fünf Jahre zum Batterie-Wechsel. „Damit bin ich sehr froh.“

EURE FAVORITEN