Was ein Duisburger Polizist am Loveparade-Vermisstentelefon erlebte

"Gott sei Dank, du lebst!" Auf diese Gewissheit mussten zehntausende Angehörige am Tag der Loveparade-Katastrophe lange vergeblich warten. Viele von ihnen versuchten auch noch tags darauf, über das Vermisstentelefon etwas über das Schicksal ihrer Angehörigen in Erfahrung zu bringen.
"Gott sei Dank, du lebst!" Auf diese Gewissheit mussten zehntausende Angehörige am Tag der Loveparade-Katastrophe lange vergeblich warten. Viele von ihnen versuchten auch noch tags darauf, über das Vermisstentelefon etwas über das Schicksal ihrer Angehörigen in Erfahrung zu bringen.
Foto: WAZ FotoPool
  • Sechster Jahrestag der Loveparade-Katastrophe
  • Polizist erinnert sich an 15 Stunden am Vermissten-Telefon
  • 800 Anrufe von verzweifelten Angehörigen aus aller Welt

Duisburg. Den Abend des 24. Juli 2010 verbrachte Norbert Kaufmann in einigen Duisburger Krankenhäusern. Der Polizist gehörte einem Team an, das die Identitäten der dort eingelieferten Personen und die Schwere ihrer jeweiligen Verletzung ermitteln sollte. Er traf auf unzählige körperlich und seelisch tief verwundete Menschen.

Doch am Tag nach der Loveparade-Katastrophe wartete auf den Ersten Polizeihauptkommissar eine emotional noch viel aufwühlendere Aufgabe: Denn er besetzte das Vermisstentelefon, das die Polizei für all jene eingerichtet hatte, die in dem Chaos noch nach einem Angehörigen oder Freund suchten. 15 Stunden am Stück saß Kaufmann dort, führte über 800 Gespräche. Und eines war erschütternder als das andere.

Norbert Kaufmann arbeitete damals noch für das Kriminalkommissariat 12, zu dessen Aufgaben auch die Bearbeitung von Vermisstenfällen gehörte. „Ich saß nach einer kurzen Nacht ab 8 Uhr morgens in meinem Büro. Die Durchwahl war über das Internet irgendwie an die Öffentlichkeit gelangt. Und von der ersten Sekunde an schellte das Telefon pausenlos“, so Kaufmann. Beendete er ein Gespräch und legte den Hörer auf, schellte es noch in derselben Sekunde erneut. Am anderen Ende der Leitung: Väter, Mütter, Geschwister, Großeltern oder Freunde. Sie alle fragten nur eines: „Wissen sie, wo mein Sohn, meine Tochter, mein Enkel ist?!?“

Viele der Anrufer waren völlig aufgelöst und in tiefster Sorge

„Die meisten waren total aufgelöst und machten sich riesige Sorgen, weil sie auch einen halben Tag nach der Katastrophe noch immer nichts von ihren Liebsten gehört hatten“, erzählt der heute 58-jährige Polizist, der im nördlichen Stadtteil Röttgersbach lebt. Kaufmann konnte über seinen PC den Namen der Vermissten eingeben und der Rechner spuckte aus, wenn der Gesuchte als Patient eines Krankenhauses namentlich erfasst war. „Und neben meinem Rechner lag ein handgeschriebener Zettel, auf dem die Namen der bereits identifizierten Toten standen“, sagt Kaufmann. Im Laufe des Sonntags wurde diese Liste von Stunde zu Stunde länger, weil einige der Schwerstverletzten ihren Kampf ums Überleben in den Krankenhäusern verloren hatten.

Multimedia-Spezial „Todesnachrichten an Angehörige werden nicht am Telefon, sondern persönlich überbracht“, nennt Kaufmann einen Grundsatz. Genau deshalb sei es einer der beklemmendsten und fürchterlichsten Momente für ihn gewesen, als sich am Vermisstentelefon die Schwester einer Verstorbenen meldete – die in diesem Moment aber nichts vom Schicksal ihrer Schwester wusste. „Ich habe mich ganz schlecht gefühlt, ich habe herumgedruckst und musste sie vertrösten. Ich wusste aber wenigstens, dass zu diesem Zeitpunkt schon Kollegen auf dem Weg zu dieser Familie waren, um sie persönlich zu informieren.“

Manche wollten die guten Nachrichten nicht wahrhaben

Andere Anrufer seien nicht aufgelöst und traurig, sondern aggressiv gewesen. „Und manche wollten eine gute Nachricht einfach nicht glauben. Selbst als ich mit hundertprozentiger Sicherheit ausschließen konnte, dass der Gesuchte unter den Toten war, sagten die Eltern: Sie wollen uns nur nicht die Wahrheit sagen, unser Kind ist bestimmt tot und sie sagen es uns nur nicht.“ Kaufmann hält kurz inne und ergänzt: „Manche malen sich immer gleich das schlimmste Horrorszenario aus – und das ist für sie dann auch die einzige Wahrheit.“

Schnell merkte Kaufmann, dass ihn das Vermisstentelefon akut belastet – und sogar überlastet. „Diese Arbeit hätten wir mit zehn Leuten machen müssen. Es gab nur niemanden außer mir, weil alle, wirklich alle Kollegen mit anderen wichtigen Aufgaben voll eingespannt waren.“ Um 23 Uhr – nach 15 Stunden Dauertelefonaten – konnte Kaufmann nicht mehr. „Nervlich war ich völlig am Ende. Ich hatte in meiner Berufslaufbahn zwar zuvor schon etliche Todesnachrichten nach Verkehrsunfällen überbringen müssen. Das war auch schlimm“, sagte der Polizist ein. „Aber dieser Tag, das war ein unvergleichlicher.“

Ein Gespräch mit geschulten Kollegen als Teil der Verarbeitung

„In den ersten Wochen nach der Katastrophe dachte ich, dass ich das alles verpacke. Doch irgendwann spürte ich: Da gärt etwas in mir, das sich nicht so einfach abschütteln lässt“, schildert Polizist Norbert Kaufmann. Er nahm Hilfe von speziell geschulten Polizeikollegen in Anspruch. „Wir haben uns in einem Café am Wolfssee in Wedau getroffen und sieben Stunden miteinander geredet. Danach fühlte ich mich besser, fast wie von einer Last befreit.“

Auch heute kommen regelmäßig Erinnerungen an diese Tage in Kaufmann hoch. Inzwischen ist er für die Polizei als Dienstgruppenleiter in der Leitstelle tätig. Dort müssen die Beamten vor allem eines tun: viel telefonieren.

 
 

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