Warum wir an Silvester so viel SMS verschicken - Ein Sprachforscher erklärt

Professor Wolfgang Imo erforscht Kurznachrichten.
Professor Wolfgang Imo erforscht Kurznachrichten.
Foto: Frank Preuss
Alle Jahre wieder - niemals sonst werden mehr SMS ausgetauscht als rund um den Jahreswechsel. Doch auch aus dem Alltag sind die Textbotschaften nicht mehr wegzudenken. Warum wir so viel kommunizieren und was Kurznachrichten mit unserer Sprache machen, erzählt Prof. Wolfgang Imo im Interview.

Duisburg/Essen.. Der Jahreswechsel legt jedes Jahr die Handynetze lahm, weil viele Menschen gleichzeitig gute Wünsche losschicken. Früher haben sich um Mitternacht keine langen Schlangen vor den Telefonzellen gebildet, man hat einfach gemeinsam in den Himmel geguckt und sich zugeprostet.

Für alle anderen war auch noch an Neujahr Zeit. Zur Bedeutung von SMS an Silvester befragten wir Wolfgang Imo, Professor für germanistische Linguistik mit dem Schwerpunkt Syntax an der Universität Duisburg-Essen.

Warum ist der Kommunikationsbedarf in den letzten Jahren so immens gestiegen?

Wolfgang Imo: Der Dadaist Kurt Schwitters sagte einmal sinngemäß: Wenn irgendwo eine Schraube ist, muss man auch dran drehen. So ist es mit der Kommunikationstechnik. Unser Kommunikationsbedarf selbst ist nicht unbedingt gestiegen, nur erfolgte ein Großteil der Kommunikation früher mündlich als „Small Talk“. Nun, da es die „Schraube“ der mobilen Kommunikationsgeräte gibt, wird mehr oder weniger automatisch daran „gedreht“, d.h. die Leute nutzen die erweiterten Kommunikationschancen.

Dass man das Telefon – bzw. die Telefonzellen – früher nicht im gleichen Maße genutzt hat, liegt daran, dass das Telefon anders als schriftliche Kurznachrichtentexte (oder auch E-Mails) sehr viel „invasiver“ ist: Mit einem Telefonanruf verpflichte ich jemanden, genau zu diesem Zeitpunkt in eine Kommunikation einzutreten. Eine schriftliche Kurznachricht hat nicht diese Verbindlichkeit, auf sie kann mit Abstand reagiert werden.

Schreiben Sie heute Nacht SMS oder sind sie auf die günstigere Alternative WhatsApp umgeschwenkt?

Imo: Ich bin noch ganz altmodischer SMS-Nutzer, gegenüber Diensten wie WhatsApp bin ich eher misstrauisch. Die Zahlen der Datenbank zeigen allerdings genau den gegenteiligen Trend: Kaum jemand nutzt noch SMS-Nachrichten, WhatsApp hat sich durchgesetzt.

Was reizt Sie als Germanist an der Textform SMS?

Imo: Zu Beginn stand ein gemeinsames Forschungsprojekt mit der International Studies University Xi’an. Anfangs dachten wir, dass solche Kurznachrichten geeignet für ein sprach- und kulturvergleichendes Projekt sind. Es hat sich aber schnell herausgestellt, dass die Strukturen von Kurznachrichten so komplex sind, dass es sich lohnt, auch einen genaueren einzelsprachlich orientierten Blick darauf zu werfen.

Dabei interessiert mich: Welche lexikalischen oder syntaktischen Tendenzen der Gegenwartssprache werden in der informellen Schriftlichkeit aufgegriffen (z.B. die Artikelformen „nen“ oder „ne“)? Wie verändern die technischen Rahmenbedingungen z.B. von SMS zu WhatsApp das Schreibverhalten? Wie führt man schriftlich gemeinsame Handlungen wie eine Liebeserklärung, eine Verabredung oder einen Streit durch?

Spielen in Ihrer Forschung auch die Emoticons eine Rolle?

Imo: Emoticons sind selbstverständlich einer der ersten Aspekte, an die man bei SMS, WhatsApp oder E-Mails denkt. Jeder weiß ungefähr, was ein „grinsender“ oder „lächelnder“ Emoticon wie :-) bedeutet. Völlig unklar, für mich als Linguisten aber hochinteressant, sind aber bislang noch ungeklärte Fragen wie: An welchen Stellen in den Kurznachrichten tauchen Emoticons auf? Gibt es wie bei Wörtern bestimmte Regeln, wo Emoticons stehen? Welche Funktionen hat beispielsweise :-) genau? Das ist besonders knifflig zu beantworten, da „Grinsen“ bzw. „Lächeln“ ja auch in der Face-to-Face-Interaktion mehrdeutig ist.

Woher bekommen Sie ihr Forschungsmaterial - vermutlich nicht über die NSA, oder?

Imo: Die Daten werden im Rahmen von Seminaren an der UDE erhoben, die Studierenden anonymisieren die Nachrichten und ‚spenden‘ sie der Datenbank. Sie bekommen dafür im Austausch Zugang für eigene Seminararbeiten, Referate oder Abschlussarbeiten.

Keine Kommas in der SMS

Sie sagen, dass sich durch Smsen die Sprache verändert, durch Wortschöpfungen, Satzstrukturen und die Rechtschreibung. Was ist denn Sims-Sprech?

Imo: Ein „Sims-Sprech“ gibt es nicht. In der an der UDE aufgebauten Datenbank mit SMS- und WhatsApp-Nachrichten finden wir alle möglichen sprachlichen Realisierungen, die von sehr umgangssprachlich bis absolut normsprachlich reichen. Es gibt allerdings bestimmte Tendenzen: Es wird wenig Wert auf Orthografie, vor allem auf die Kommasetzung gelegt. Es werden syntaktische Strukturen, die typisch für gesprochene Sprache sind, verstärkt verwendet.

Je nach Altersgruppe finden sich natürlich auch viele jugendsprachliche Ausdrücke. Ein besonders häufiges Muster ist die so genannte Verbspitzenstellung im Hauptsatz wie bei „Bin gleich da.“, „Komme um 18 Uhr.“ Dies hat damit zu tun, dass der Absender bei SMS klar ist, getilgt wird hier fast immer das Pronomen „ich“.

Haben sich auch rheinische Eigenarten bundesweit durchsetzen können?

Imo: Es finden sich immer mal wieder auch regionale Einschläge in den Daten, meist aber dann in scherzhaften Kontexten und eindeutig markiert. Eine „berühmte“ rheinische Eigenart ist der in der Forschung so genannte „am-Progressiv“, d.h. die Verlaufsform, die ähnlich wie im Englischen funktioniert: „Ich bin am Arbeiten“ – „I am working“. Untersuchungen von Dialektologen konnten zeigen, dass sich die Form vom Rhein aus (ursprünglich von der Nordsee bis in die Schweiz verbreitet) inzwischen über ganz Deutschland ausgebreitet hat – und inzwischen auch in der Duden-Grammatik auftaucht.

Allerdings ist die Form mit einer Ergänzung („Ich bin am Kaffee kochen“) tatsächlich noch auf den Westen beschränkt und Formen mit doppeltem „am“ („Ich bin am Kaffee am Kochen“) ist tatsächlich nur regional verbreitet.

Welche Themen kommen in SMS besonders häufig vor?

Imo: Man kann sagen: Es gibt nichts, worüber nicht geschrieben wird: Liebe, Verabredungen, Streit, Urlaubsgrüße, Geburtstagsglückwünsche etc. Nur dann, wenn es komplexer wird, wechselt man zum Telefon.

Bei welchen Themen sehen sie die Grenzen kurzer Textnachrichten - moralisch oder inhaltlich?

Imo: Kurznachrichten sind ein Teil unseres „kommunikativen Haushalts“ – Grenzen gibt es da nicht. Dennoch wechseln die Schreiber immer dann zur mündlichen Kommunikation, wenn es sich um kompliziertere Dinge handelt – und in der Liebeskommunikation kann die Schrift die Stimme sowieso nicht ersetzen.

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