Warum Experten kein Mittel gegen Klau-Kinder wie Elisabeta haben

Hayke Lanwert
Ablenkungsmanöver mit anschließendem Raub: Oft sind Ältere die Opfer – wie diese Aufnahme einer Überwachungskamera zeigt.
Ablenkungsmanöver mit anschließendem Raub: Oft sind Ältere die Opfer – wie diese Aufnahme einer Überwachungskamera zeigt.
Foto: Polizei Düsseldorf
Die 14-jährige Elisabeta sitzt seit knapp vier Wochen in Untersuchungshaft. Das Mädchen ist eines von vielen Kindern, die offenbar von Hintermännern oder auch Eltern zum Stehlen gezwungen werden. Polizei, Gerichte und Jugendämter stoßen an ihre Grenzen.

Ruhrgebiet. Seit knapp vier Wochen sitzt sie in Untersuchungshaft. Elisabeta S., gerade 14 Jahre alt und sicher eines der taffesten Klau-Mädchen, das der Polizei je gegenüber saß. 200-mal wurde Elisabeta erwischt, ebenso oft ließ sie die Fragen der Ermittler an sich abperlen und schwieg. Denn da war sie noch 13, also nicht strafmündig. Elisabeta, sie ist nur ein Roma-Kind unter vielen, abgerichtet von organisierten Banden, um zu stehlen, zu betrügen, zu rauben. Ein Phänomen, dem die Behörden zunehmend hilflos gegenüberstehen.

Viel weiß man nicht über Elisabeta. Woher auch? Schließlich schweigt sie eisern. Man kann ihre Spur verfolgen, vom Ostwestfälischen über das Ruhrgebiet bis an den Niederrhein. Irgendwann Ende 2012 beginnt es. Sie klaut Lebensmittel, Kleidung, Schmuck, trickst alte Frauen am Geldautomaten aus, rempelt, schubst und betrügt sie um das gerade gezogene Bare.

Kaum im Jugendheim, ist sie schon wieder ausgebüxt

Mal 400 Euro, mal 600, ja, sogar 1000. Kein Wort bei der Polizei, keines bei den Mitarbeitern der eingeschalteten Jugendämter, und kaum haben die sie in einem Heim untergebracht, ist Elisabeta schon wieder ausgebüxt und auf Klau-Tour.

Die Kinder der Armutsflüchtlinge aus Südosteuropa. Dort am untersten Ende der Gesellschaft, in Deutschland, dem vermeintlichen Paradies, ohne Bewusstsein für Werte und Gesetze aufs Überleben ausgerichtet. 590 Übergriffe an Geldautomaten registrierte das Landeskriminalamt NRW von 2012 bis März 2013. Tendenz steigend. „Es vergeht kein Tag, an dem im Rhein-Ruhr-Gebiet nicht ein Überfall am Geldautomaten gemeldet wird“, sagt LKA-Sprecher Frank Scheulen.

Martin Kielbassa, Hauptkommissar der Essener Einsatzgruppe Jugend, kennt Elisabeta, kennt andere Klau-Kids. „So ein Kind macht das nicht von sich allein“, sagt er. Und: „Die werden rumchauffiert, um Geld zu holen.“ Zigmal saß sie auf der Essener Wache, kaum weniger andernorts. Eltern: Fehlanzeige. Ihren Wohnort kann Kielbassa schließlich ermitteln. Duisburg, In den Peschen 5. Mal wieder! Das längst bundesweit bekannte Hochhaus, in dem ungezählte Roma aus Rumänien und Bulgarien leben.

„Wir als Polizisten haben nur begrenzte Mittel. Wir übergeben die Kinder an das Jugendamt und erleben, wie sie gleich danach weitermachen. Wir sind ratlos“, räumt Kielbassa ein. Rein ins Heim, wieder raus und ab zum nächsten Geldautomaten. Mit einem Zettel wedeln, den Bankkunden ablenken, ihn schubsen, Geld abzocken.

Zeugen hielten Klau-Kind Elisabeta fest 

„Wie wollen Sie in diese Familien einsäen, dass es hier so nicht funktioniert? Da ist die Justiz überfordert, da kann man nur rudern“, sagt auch der Dortmunder Jugendrichter Bernd Schulte-Eversum. Einer seiner Kollegen war es, der für Elisabeta im Juli Untersuchungshaft anordnete. Da hatte sie gerade im Stadtteil Scharnhorst eine 76-Jährige am Geldautomaten überfallen. Zeugen hatten sie festgehalten.

Doch was tun mit Elisabeta? „Beim Jugendstrafrecht geht es ja nicht um Schuld und Sühne, sondern darum, erzieherisch etwas in Gang zu setzen“, sagt Schulte-Eversum und: „Eigentlich müsste man die Eltern auf die Anklagebank schicken. Es ist eine politische Entscheidung, wie man mit ihnen umgeht.“

Bleibe die vage Hoffnung, dass das Mädchen vielleicht von seinem Prozess nachhaltig beeindruckt werden könne. Eine Hoffnung, die der Essener Hauptkommissar Kielbassa kaum teilen wird. Und auch Ulrich Engelen, stellvertretender Leiter des Essener Jugendamtes, dürfte da skeptisch sein.

Geschlossene Heime gibt es kaum

Ein Ansatzpunkt, so glaubt Engelen, könne sein, den Eltern vorübergehend das Sorgerecht zu entziehen. „Dazu braucht man jedoch den Beschluss eines Familiengerichts, und es müsste geschlossene Heime geben. Einen engen Rahmen, der den Zugang zu den Kindern ermögliche“, sagt Engelen. Geschlossene Heime jedoch gibt es kaum noch.

Elisabeta wird sich voraussichtlich im Spätsommer vor dem Dortmunder Jugendschöffengericht verantworten müssen. Allerdings nur für diesen einen, für ihren letzten Überfall in Scharnhorst. Bei allen anderen war sie schließlich nicht strafmündig. Das weiß Elisabeta, das wissen all jene, die Kinder wie sie kriminell ausbeuten. Sie sind Täter und Opfer zugleich, manchmal gerade einmal zehn, elf Jahre alt.

So wie jener Junge, der in den letzten Tagen in Essen auffiel. Er spuckt Bankkunden an, um sie zu irritieren, sie abzuzocken. 70 solcher und ähnlicher Vorfälle registrierte allein die Duisburger Polizei im ersten Halbjahr 2013. Wie Dortmund gehört auch Duisburg zu den Städten, in denen die Roma aus Rumänien und Bulgarien bevorzugt unterkommen. Mit allen hinlänglich bekannten Problemen, mit denen Polizei-Sprecher Ramon van der Maat nur allzu häufig zu tun hat: „Es wird Zeit, dass die Herrschaften in Berlin mal wach werden!“