Warum die Stadtwerke Duisburg in einem grundsätzlichen Dilemma stecken

Sorgenkind der Steag: das Kohlekraftwerk Walsum. Baukosten: rund 1,2 Milliarden Euro
Sorgenkind der Steag: das Kohlekraftwerk Walsum. Baukosten: rund 1,2 Milliarden Euro
Foto: Hans Blossey
Auch die Beteiligung an der Steag hellt die düstere Aussicht für die Stadtwerke nicht auf. Probleme machen Walsum 10 und der ökologische Umbau des Konzerns. Professor Ralf-M. Marquardt im Gespräch über die Zukunft und die Probleme des kommunalen Energieversorgers.

Duisburg. Für die Duisburger Stadtwerke sind unruhige Zeiten angebrochen. Der Gewinn bricht in zweistelliger Millionenhöhe ein, vermutlich auch in den nächsten Jahren, hinzu kommt der rasante Abgang des Vorstandschefs und die anstehende Restrukturierung samt Personalabbau.

Und auch die Zukunft sieht düster aus. „Alle Stromerzeuger werden unter einen Druck kommen, den sie vorher noch nicht kannten“, sagt Prof. Dr. Ralf-Michael Marquardt von der Westfälischen Hochschule im NRZ-Gespräch. Der Energie-Experte hat zahlreiche Beiträge zur Energiewende verfasst, zuletzt auch eine Studie zur Steag. „2013 wird von der Konjunktur her sicher kein goldenes Jahr. Hinzu kommen die steigenden Kohlepreise und vor allem der Emissionsrechtehandel.“

Zerfahrene Lage am Strommarkt

Bei der Versteigerung der CO2-Zertifikate geht es um Millionenbeträge. „Bisher bekamen die Kraftwerksbetreiber die Zertifikate geschenkt, haben sie aber trotzdem eingepreist. Ab 2013 müssen die CO2-Kosten tatsächlich bezahlt werden.“ Pro Tonne Kohlenstoffdioxid müssten die Unternehmen derzeit sieben bis acht Euro bezahlen. „Es gibt allerdings Prognosen, nach denen der Preis pro Tonne ab 2013 bei bis zu 28 Euro liegen könnte“, so Marquardt. Und ein Kraftwerk, wie das modernste seiner Art in Walsum, erzeugt im Jahr allein rund vier Millionen Tonnen Kohlendioxid.

Das grundsätzliche Problem aber sei die zerfahrene Lage am Strommarkt, bei der sich die Produktion für Erzeuger konventioneller Energie oft nicht rechne. Die Duisburger Stadtwerke seien durch ihre Steag-Beteiligung dabei gleich „doppelter Verlierer“. Doch wie kommt man aus dieser Situation wieder heraus? „Die Stadtwerke stecken in einem grundsätzlichen Dilemma. Es gibt keinen Ausweg“, sagt Marquardt. „Hier hat der Markt völlig versagt“.

„Wenn nur der Kessel nicht wäre“

Dass den Stadtwerken in Duisburg die Gewinne wegbrechen und sich das geplante neue Kraftwerk in Wanheim jetzt doch nicht mehr rechnet, hängt direkt mit der Situation auf den Strommärkten zusammen. Als Betreiber von Gas- oder Kohlekraftwerken stehe man vor der Frage, ob man die Anlagen überhaupt laufen lässt, weil die Kosten dafür höher sein können als der Erlös. Stehen die Turbinen aber still, steigen die Fixkosten, weil sie auf weniger Produktionszeit verteilt werden.

Und bekanntlich soll der Strom bis 2020 zu 35 Prozent aus erneuerbaren Energien produziert werden. „Da sind aber immer noch 65 Prozent, die konventionell erzeugt werden müssen. Und in diesem Bereich will derzeit niemand in neue Kraftwerke investieren, weil es sich nicht rechnet. Das ist ein klares Marktversagen. Und ich verstehe nicht, wie leichtfertig die Politik damit umgeht“, sagt Professor Marquardt. „Der Staat muss hier die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen.“

Grüne sehen „verheerende Folgen“

Es gebe zwei Möglichkeiten: Entweder werde stärker reguliert. „Die Frage ist, wer die Spitzenlast-Kraftwerke zur Verfügung stellt. Das bedeutet, man muss einen Anbieter allein dafür bezahlen, dass er ein Kraftwerk vorhält, das die meiste Zeit des Jahres stillsteht.“

Oder aber: Es kommt zur Vergesellschaftung und man kehrt zurück in die Zeit vor der Liberalisierung, so Marquardt: „Es wäre eine Art Planwirtschaft. Aber sie würde dann nur kommen, weil der Markt versagt hat.“ Allerdings würden auch derzeit nicht die Gesetze von Angebot und Nachfrage die Basis bilden: „Die erneuerbaren Energien sind durch die massive Subventionierung herzlich wenig marktwirtschaftlich.“ Zudem seien bereits heute einige Großversorger in Händen der Kommunen und Länder, wie EnBW (Land Niedersachsen), Vattenfall (Staat Schweden) oder auch ein Teil von RWE (17% Anteile bei Kommunen).

Was die Stadtwerke plagt, gelte auch für die Steag mit ihrem Kraftwerkspark. Hinzu kommt, dass der neue Block 10 in Walsum immer noch nicht am Netz ist. „Walsum 10 wäre wohl ein Top-Kraftwerk, wenn nur dieser Kessel nicht wäre“, sagt Marquardt.

Walsumer Grüne wittern weitere finanzielle Gefahr

Durch den Austausch und die Verzögerung ist der hochmoderne Kohlemeiler immer noch nicht am Netz. Ob der geplante Starttermin im September 2013 gehalten werden kann, ist unklar. Der Steag-Gewinn brach wegen der Abschreibung bereits im Vorjahr von rund 200 auf knapp 5 Millionen Euro ein. Dennoch schüttete die Steag aus ihren Rücklagen über 100 Millionen Euro an Rendite aus, damit die Anteilseigner, zu denen auch die Stadtwerke Duisburg gehören, die Zinsen der Kredite aus dem Kauf finanzieren können.

Die Walsumer Grünen, von Beginn an erklärter Gegner des Steag-Deals, wittern für die Stadtwerke durch die Steag-Beteiligung weitere finanzielle Gefahr. Die Kommunen würden sich „in eine finanzielle Schieflage katapultieren“, die Folgen für die städtischen Haushalte könnten „verheerend“ sein, hieß es gestern in einer Mitteilung der Grünen.

Der Steag-Deal

Immer lauter wird auch die Forderung nach einem bürgerlichen Beirat bei der Steag, der den ökologischen Umbau vorantreiben soll.

Dass dieser Umbau überhaupt kommt, hatte Marquardt bereits in einem Gutachten in Zweifel gezogen, weil er sich nicht mit den Dividenden-Forderungen der beteiligten Stadtwerke vereinbaren ließe. Hermann Janning, scheidender Stadtwerke-Chef und Noch-Aufsichtsratsvorsitzender der Steag hatte sofort widersprochen. Doch Marquardt bleibt bei seiner Einschätzung: „Das ist Augenwischerei, der ökologische Umbau ist sicher nicht die Herzensangelegenheit der Steag“.

Die Debatte über den Deal wird wohl anhalten. Vor allem, weil 2016 die restlichen 49 Prozent von Evonik an das Stadtwerke-Konsortium wandern. Kalkulierter Kaufpreis: Noch einmal rund 600 Millionen Euro. Und damit die beteiligten Stadtwerke die Zinsen der Kaufkredite bedienen können, muss die Steag laut Marquardt im Jahr rund 90 Millionen Euro an Rendite abwerfen.

 
 

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