Vor der Abwahl ist nach der Abwahl - Das Phänomen Sauerland

Gedanken eines Duisburger Oberbürgermeisters in der Burg: „Na, die Türe wird bis 2015 schon noch halten“. Karikatur: Thomas Plaßmann
Gedanken eines Duisburger Oberbürgermeisters in der Burg: „Na, die Türe wird bis 2015 schon noch halten“. Karikatur: Thomas Plaßmann
Foto: NRZ
Das Schicksal Duisburgs hängt untrennbar mit der Person Adolf Sauerland zusammen. Sollte seine Abwahl scheitern, droht die derzeitige Situation bis 2015 einzufrieren. Das Phänomen Adolf Sauerland - eine kommentierende Betrachtung der Ereignisse des zu Ende gehenden Jahres 2011.

Duisburg. Es ist der Erste Bürger Duisburgs, der die Klammer zwischen dem alten und neuen Jahr bildet und der gleichzeitig die Stadt „spaltet“, wie es SPD-Fraktionschef Herbert Mettler am 21. April treffend formulierte.

Erstmals in einer NRW-Stadt entscheiden Bürger in sechs Wochen über die Abwahl eines Stadtoberhaupts. Das entsprechende Gesetz hatte der Landtag erst am 18. Mai beschlossen. Es trat am 4. Juni in Kraft, an dem Tag, als Adolf Sauerland seinen 56. Geburtstag feierte. Die Bürgerinitiative „Neuanfang für Duisburg“ hatte ab dem 20. Juni vier Monate lang Unterschriften gesammelt und am 20. Oktober knapp 80.000 im Ratssaal abgegeben. Die damit in 2011 eingeleitete Frage, ob Duisburg dieser Neuanfang gelingt, wird erst im neuen Jahr 2012 beantwortet, am 12. Februar.

Vom sinnbildlichen Sesselkleber zum Bofrost-Mann

Das Schicksal der gespaltenen Stadt hängt untrennbar mit der Person Adolf Sauerland zusammen. Sollte die Abwahl scheitern, droht die derzeitige Situation bis 2015 einzufrieren. Sauerland würde vom sinnbildlichen Sesselkleber zum Bofrost-Mann.

Dem Duisburger Oberbürgermeister dürften inzwischen mehr Leute öffentlich den Rücktritt nahe gelegt haben als in eine Straßenbahn passen. Doch Sauerland lässt das kalt. Er versucht weiterhin sich in die Opfer-Rolle zu stehlen. Wie in dieser Woche im Interview mit dem Magazin Focus. „Es ging ums nackte Überleben“, lautete die Überschrift. Das Zitat bezog sich nicht etwa auf die Katastrophe im Tunnel, sondern auf das Privat- und Amtsleben Sauerlands nach der Loveparade. Der inhaltliche Neuigkeitswert blieb allerdings ebenso begrenzt wie Sauerland die Antwort auf die Frage nach der moralischen Verantwortung schuldig.

Druck hatte zugenommen

Der Druck auf ihn hatte das Jahr über zugenommen, vor allem vor dem Jahrestag der Loveparade. So erklärte er am 11. Juli im Rat: „Als Oberbürgermeister dieser Stadt trage ich die moralische Verantwortung für dieses Ereignis“. Wer aus der Übernahme von Verantwortung eine Konsequenz ableitet, wurde im Fall Sauerland enttäuscht. Der Satz, für den der OB fast ein Jahr lang gebraucht hatte, sollte folgenlos bleiben.

Alt-OB Josef Krings sagte zu dem Thema am 23. Juli im NRZ-Interview: „Verantwortung übernimmt man nicht, sie gehört zum politischen Amt einfach dazu“.

Sauerland sieht sich vor seiner anstehenden Abwahl aber offenbar dazu gedrängt, sich weit aus dem Rathausfenster seiner Wagenburg zu lehnen: Als „Hetzjagd“ und „Mogelpackung“ titulierte er die Initiative, hinter der die Linken und die SPD mit ihrer als Abwahlgesetz verdeckten „Lex Sauerland“ stecken sollen.

Unterstützt wird er von seiner CDU, immer wieder ist von „den Roten“ und „linken Ideologien“ die Rede. Wäre der Eiserne Vorhang nicht längst gefallen, könnte man meinen, er würde mitten durch Duisburg verlaufen. Zur Erinnerung: Die Gesetzesänderung war bereits vor der Loveparade im rot-grünen Koalitionsvertrag festgeschrieben. Und immer wieder scheint Sauerland zu vergessen, dass auch die Grünen, mit denen er von 2004 bis 2009 regierte, und selbst die FDP das am 16. Dezember vorgestellte Abwahl-Bündnis aktiv unterstützen.

Ausflüchte und Gegenangriffe

Sauerlands Ausflüchte und Gegenangriffe gehen daher nach hinten los: Sich immer wieder aus der Verantwortung zu stehlen und stattdessen verbal gegen alle Gegner zu giften, genau das ist das Schmiermittel, mit dem er den Unmutsgenerator gegen seine eigene Person auf eine höhere Drehzahl treibt.

Die drohende Abwahl scheint er, der in diesem Jahr seinen Fahrer zum Controller machte (NRZ am 24. September) und dessen Arbeitnehmerempfang am 29. April von den Gewerkschaften boykottiert wurde, aber dennoch nicht sonderlich ernst zu nehmen. Kurz vor Weihnachten ist eine neue Ausgabe von „Duisburg Intern“ erschienen. 3200 Exemplare beträgt die Auflage, das Heft wird von nahezu allen Rathaus-Mitarbeitern gelesen.

"Größter Duisburger aller Zeiten"

Fast schon süffisant bemerkt der OB im Vorwort: „Am 12. Februar werden die Duisburgerinnen und Duisburger zum dritten Mal darüber befinden, ob ich Oberbürgermeister dieser großartigen Stadt sein darf.“ Für Sauerland ist es eher eine Wahl als eine Abwahl: Aus seiner Sicht ist offenbar jeder, der nicht gegen ihn stimmt, also inklusive aller Nichtwähler, zwangsläufig für ihn.

Zuspruch empfindet Sauerland womöglich auch durch das Votum der Duisburger Leser der Rheinischen Post, die ihn ungeachtet aller Kritik am 31. Oktober zum größten Duisburger aller Zeiten gewählt haben.

Vor der Abwahl ist für Sauerland nach der Abwahl, wie sich aus seinem Vorwort weiter entnehmen lässt. „Danach müssen wir uns aber wieder auf die drängenden Probleme unserer Heimatstadt konzentrieren“, schreibt der OB. Als wären die 80.000 Bürger mit ihrem per Unterschrift dokumentierten Anliegen ein Haufen unartiger Schüler, die man kurz gewähren lässt, und die sich dann aber wieder artig auf ihre Plätze setzen sollen.

Das Vorwort ist zudem sein Versuch, die Mitarbeiter, deren Unmut er auf der Personalversammlung am 7. Dezember erneut zu spüren bekam, auf seine Seite zu holen, sie ins Boot zu ziehen. „Ich bin mir darüber im Klaren, dass es nicht leicht war, im Jahr 2011 Mitarbeiterin oder Mitarbeiter der Stadt Duisburg zu sein“, sind seine ersten Worte.

Schuld haben immer nur die Anderen

Sauerland schreibt zwar ständig „wir“, doch eigentlich spricht er über sich selbst, allenfalls kann er noch den engsten Führungszirkel meinen: „Misstrauen schlug uns bei vielen Entscheidungen entgegen. Das war nicht zuletzt ein Resultat des schrecklichen Loveparade-Unglücks“. Dass die Kritik auf seinem eigenen Verhalten beruhen könnte, blendet der OB aus.

Stattdessen beruft er sich auf Recht und Gesetz, die aber „in der öffentlichen Wahrnehmung und der veröffentlichten Meinung“ nicht mehr Maßstab seien, sondern „so etwas wie ,gefühlte’ Gerechtigkeit“. Und wenn das so ist, schreibt Sauerland an seine Mitarbeiter, dann „hat unsere Gesellschaft ein ernstes Problem“.

Es bleibt dabei: Schuld haben immer nur die Anderen. Damit will Adolf Sauerland im Amt bleiben.

Bis 2015. Mindestens. Denn wie er im Focus-Interview erklärte, will er nicht ausschließen, dann noch einmal zu kandidieren.