Von einem der auszog, um zurückzukehren

Von Ulla Saal

„Kommen und gehen, manchmal bleiben“, unter diesem Titel erzählte der in Kalkar geborene Autor Christoph Peters vor einigen Jahren Geschichten von Menschen auf der Suche nach sich selbst und einer Heimat. Allein der Titel des Buches könnte auch für die Geschichte eines Mannes stehen, der als Fünfjähriger mit seiner Mutter aus Ankara an den Niederrhein kam, in Tönisberg aufwuchs, in Neukirchen-Vluyn zur Schule ging, dort erste Schauspielerfahrungen sammelte und später jahrelang im Rheinhausener Komma-Theater auf der Bühne stand. Doch anders als Peters’ Protagonisten, die auf ihrer Suche erkennen, dass sie sich selbst verloren haben, hat dieser Mann sich gefunden. Seine Geschichte ist die von einem, der wegging, um anzukommen, der auszog, um zurückzukehren - es ist die Geschichte von Hilmi Sözer.

Kult-Duo auf Urlaub

Sie beginnt mit einer Durchsage in der zweiten Pause am Julius-Stursberg-Gymnasium in Neukirchen-Vluyn. „Ich sollte mich im Lehrerzimmer bei einer Frau Frisch melden“, erinnert sich Sözer auch daran, dass er auf dem Weg dahin schwer grübelte, was er denn ausgefressen hatte. „Und dann stand eine schöne Frau vor mir und fragte mich, ob ich ihr bei ihrer Theater AG helfen könnte. Sie machte damals ein Stück über Einwanderung, und ich als einziger Türke an der Schule sollte mit meinen Sprachkenntnissen helfen.“ Zwar befremdeten den 14-Jährigen damals die schauspielerischen Sprechübungen „so mit Bälle zuwerfen und Namen sagen und so“, doch er blieb trotzdem dabei, und als ein Mitschüler mopperte, dass er Türkisch lernen sollte, wo doch der Jüngste in der Truppe ohnehin die Sprache beherrschte, landete Hilmi Sözer unversehens auf der Bühne.

Es war der Beginn einer damals nicht zu ahnenden Karriere. „Nach dem ersten Stück hat sich die Gruppe gehalten. Wir haben jedes Jahr neue Projekte gemacht und tourten später mit 20 bis 30 Leuten und einer festen Band zehn Jahre lang als Ex-AG-Theater quer durch die Republik“, erzählt Sözer. Hilfreich war da vor allem, dass Renate Frisch, Lehrerin für Deutsch und Pädagogik am Stursberg-Gymnasium, zusammen mit ihrem damaligen Mann Uwe Frisch und Helle Hensen zu den Gründungsmitgliedern des Reibekuchentheaters gehört. Von den Kontakten des Rheinhausener Ensembles profitierte auch das Ex-AG-Theater. Und irgendwann stand dann Hilmi Sözer auch auf der Bühne im Komma.

Aber nicht nur. Eifrige Besucher der in den 90er Jahren sehr lebendigen freien Theaterszene in Duisburg erinnern sich sicher noch an seine Auftritte in „Die Schneesucher“ vom Bader-Ehnert-Kommando oder an seine berührende Darstellung des arabischen Rosenverkäufers Sad aus dem Stück „Dreck“ von Robert Schneider. Aber einer der größten Erfolge, den der talentierte Mr. Sözer ehedem feierte, waren die Auftritte in „En Vacances“ im Komma mit Helle Hensen seinem kongenialen Partner: abstruse Gestalten und absurde Geschichten aus dem Mikrokosmos eines Campingplatzes. Drei, vier Jahre lang bescherte dieses Duo „auf Urlaub“ abends dem Komma-Theater eine ausverkauftes Haus. Hensen und Sözer besaßen Kult-Status. „Das war schöner bekloppter Nonsens, den wir da gemacht haben, und am Ende war das so: Du kommst auf die Bühne und alle erzählen deine besten Gags schon vorweg“, lacht Sözer.

Irgendwann sei dann der Zeitpunkt gekommen, zu gehen. Film- und Fernsehproduktionen folgten in Reihe. Einer seiner wichtigsten Filme war für ihn „Jerichow“ von Christian Petzold, mit Nina Hoss und Benno Fürmann zusammen. „Das war ein sehr wichtiger Film für mich. Ich wusste, jetzt bist du in der Szene angekommen.“ Doch die Bühne hat Hilmi Sözer nie ganz verlassen: „Die Dreherei hat mir die Freiheit gegeben, weiter Theater zu spielen. Der Film war immer der Ausflug. Es war für mich eine neue Kunstform, die dem, was man im Theater macht, eine andere Komponente gibt.“ Für ihn, der es nicht an einer Schauspielschule, aber in der Theaterpraxis gelernt hat, sich zwei Stunden lang in eine Figur hineinzubegeben, sei dieses „häppchenweise vor der Kamera agieren das Langweiligste am Film“ sagt Sözer.

„Ein Salto ins Dunkle“

Aber auch das Theater hat Strukturen, die ihm nicht zusagen. „Diese Hierarchien, die dort zum Teil herrschen, mag ich nicht.“ Selbstbestimmt zu arbeiten, in Eigenverantwortung, ohne Zwänge, das sei sein Ding, sagt Hilmi Sözer. Genau das biete ihm das Reibekuchentheater mit seinen Strukturen, die das Ensemble all die Jahre, in denen er fort war, aufrechterhalten habe. Und es sind die Freundschaften zu den Mitgliedern des Theaters, die all die Jahre überdauert haben. Sözer: „Das Wesentliche ist, dass du ein gutes Stück, eine Idee oder einen faszinierenden Text hast, und damit begibst du dich gemeinsam auf eine Reise, die nicht vorhersehbar ist. Es ist ein Salto ins Dunkle. Das ist die Urkraft des Theaters, das will ich machen.“

In Helle Hensen und Renate Frisch, mit denen er nun wieder abends im Komma-Theater auf der Bühne steht, hat er zwei Seelenverwandte an der Seite. Die Premiere von „Gerolimenos“, das die drei gemeinsam erarbeitet haben, war ein voller Erfolg. Ein zweites Projekt folgt im April mit „Schiller - sämtliche Werke ... leicht gekürzt“ (Premiere: 19. April).