Vom Umgang mit der Zuwanderung aus Osteuropa in Duisburg

Annette Kalscheur
Julia Hippler (li.) und Svenja Rumpelt unterrichten zugewanderte Kinder aus Bulgarien und Rumänien. Bild: Udo Milbret/ WAZ-FotoPool
Julia Hippler (li.) und Svenja Rumpelt unterrichten zugewanderte Kinder aus Bulgarien und Rumänien. Bild: Udo Milbret/ WAZ-FotoPool
Foto: WAZ-Fotopool
Experten aus Duisburg sind sich einig: Die Zuwanderung von Bulgaren und Rumänen nimmt zu. Doch darüber hinaus haben sie ganz unterschiedliche Blickwinkel - von der eingewanderten Integrationshelferin bis zum Polizisten.

Duisburg. Die Zuwanderung von Bulgaren und Rumänen nimmt seit der EU-Osterweiterung kontinuierlich zu. Dortmund macht damit Schlagzeilen. Wie steht es um Duisburg?

Der Erst-Berater

An Gerd Daniel kommt keiner vorbei. Der Lehrer macht die Erstberatung im Referat zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien (RAA), testet die Schreibfähigkeit, überprüft Zeugnisse, vermittelt zur Schuleingangsuntersuchung. Zuletzt zählte er 44 Nationalitäten, überproportional viele aus Bulgarien.

Seine Rolle sieht er nüchtern: Die Leute kommen nach Duisburg, weil es billigen Wohnraum gibt. „Und sie kommen zu mir, weil sie mit einer Schulbescheinigung Kindergeld bekommen.“ Für viele Familien sei das die Haupteinnahmequelle. Allein im Januar meldeten sich 45 neue Schüler, gestern waren es zehn. „Das sind fünf Klassen, die man so aus dem Boden stampfen müsste“, beschreibt Daniel den Bedarf.

Er erlebt die meisten als freundlich. All ihre Energie würden sie in die Zukunft ihrer Kinder stecken - wohl wissend, dass sich die eigene wirtschaftliche Situation so schnell nicht verändert. Die Armut, in der sie hier hausten, sei relativ: „Besser als Zuhause ist es in jedem Fall.“ Von jenen 70 Kindern, die aktuell keinen Schulplatz haben, würden manche Eltern täglich anrufen. Er gibt ihnen selbst kopierte Lernhilfen mit.

Die Integrationshelferin

Emilia Pana ist zugewandert, seit fünf Monaten lebt die gebürtige Rumänin in Duisburg. „Ich komme aus Transsilvanien“, erzählt sie in nahezu akzentfreiem Deutsch. Die 28-Jährige war als Erasmus-Studentin bereits in Deutschland. Jetzt arbeitet sie für die RAA als Integrationshelferin. Die Familien würden ihre Ratschläge annehmen, Deutschkurse besuchen. Manche seien aber auch nicht so verantwortungsbewusst. Als Erzieherin in Rumänien verdiente sie nur 200 Euro, dabei seien die Preise für Wohnraum oder Lebensmittel genau so hoch wie hier. Kein Auskommen also.

Jetzt träumt sie von einem weiteren Hochschulstudium - und unterstützt ihre Landsleute dabei, in Duisburg anzukommen. Das Problem: Den EU-Ausländern steht eine Freizügigkeitsbescheinigung zu, damit sie hier arbeiten können. Emilia Pana und andere Landsleute erlebten, dass sie die Bescheinigung erst bekommen, wenn sie einen Job haben. Sie nennt es den „Duisburger Teufelskreis“. Ohne diese Bescheinigung bleibe nur der Ausweg über die Selbstständigkeit oder das Alleinstellungsmerkmal: Wer könnte besser Integrationshilfe leisten als Emilia Pana.

Der Jugendamtsleiter

Thomas Krützberg sieht den vermehrten Zuzug aus Südosteuropa als gesamtgesellschaftliches Problem: „Die sind gekommen, um zu bleiben, und dem muss man sich stellen“, betont der Jugendamtsleiter. Nicht alle seien Engel, aber die meisten willens, etwas aus sich und ihren Kindern zu machen. Den Tagelöhnermarkt in Hochfeld gebe es nicht aus Lust, sondern aus purer wirtschaftlicher Not. „Die Diskrepanz zwischen Duisburg und Dortmund ist gemessen an den Einwohnerzahlen nicht so groß“ erklärt er angesichts der letzten Medienberichte. „Wir haben ein großes Problem.“

Die RAA-Leiterin

In den Statistiken von Elisabeth Pater spiegeln sich die weltpolitischen Ereignisse wider. Seit 21 Jahren kooperiert sie mit dem Einwohnermeldeamt, können lückenlos alle eingereisten Kinder angeschrieben werden. Da der Städteausgleich für eine gleichmäßige Verteilung der Zuwanderung sorgt und aktuell Duisburg wieder „dran“ ist, steigt die Kurve der Asylbewerber stetig, steiler steigt die Zahl der EU-Ausländer.

Waren es 2006 nur 263 bulgarische Einwohner, sind es im Januar 2011 2490. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil rumänischer Staatsbürger von 163 auf 920. Schulpflichtige Kinder aus beiden Ländern: insgesamt fast 600. „Wir werden wieder Zahlen wie während des Balkankrieges haben“, prognostiziert sie. Deshalb appelliert sie an die Schulträger, mehr Räume zu stellen, an die Schulaufsicht, mehr Lehrer zu qualifizieren und bereitzustellen - und an die Schulleiter: „bereit zu sein, mehr Kinder aufzunehmen“.

Die Polizei

Polizeisprecher Ramon van der Maat verzeichnet einen Zunahme von Straftaten von Tätern bulgarischer Nationalität. Zudem habe sich von 2009 zu 2010 der Taschendiebstahl um ein Drittel erhöht. Nicht belegbar ist aber, ob es sich um oft „reisende“ Banden handelt oder um Täter, die in Duisburg leben. Prostitution wie in Dortmund spielt aber keine Rolle. Erhöhte Einsätze etwa in Hochfeld verzeichnet die Polizei ungeachtet von Anwohnerklagen über kritische Wohnverhältnisse nicht.