Vom Ketchup-Attentäter zum Helfer für die Roma-Familien in Duisburg

Rolf Karling: Das Armee-Outfit verschafft ihm Respekt.
Rolf Karling: Das Armee-Outfit verschafft ihm Respekt.
Foto: Ulla Emig
Rolf Karling war Kameramann im Bosnien-Krieg, Oberbürgermeisterkandidat, Lagerarbeiter und Loveparade-Aktivist. Er sorgte für Schlagzeilen, als er den Duisburger Ex-Oberbürgermeister Adolf Sauerland mit Ketchup beworfen hat. Heute bekommt er Hartz-IV und kümmert sich um die Roma-Familien in Rheinhausen.

Duisburg. Am 13. Juli 1995 hat Rolf Karling in der staubigen, stickigen Julihitze die Kontrolle verloren. Damals war er als freiberuflicher Kameramann im Bosnienkrieg unterwegs und musste erleben, wie der niederländische General Thomas Karrremans Flüchtlinge aus der Stadt Srebenica schutzlos den bosnisch-serbischen Truppen überließ. Für die Männer zwischen 16 und 60 Jahren bedeutete das Zögern der Blauhelme das Todesurteil. Bis zu 8000 Männer sollen in den folgenden Tagen getötet worden sein.

Noch am selben Abend verließ Rolf Karling Bosnien. Seitdem hat er nie wieder eine Fernsehkamera geschultert. „Anschließend habe ich zweieinhalb Jahre lang meine Wohnung in Amsterdam nicht mehr verlassen. Die Bilder der verzweifelten Menschen gingen mir nicht mehr aus dem Kopf.“ Erst eine Therapie half Karling langsam wieder auf die Beine.

„Wir haben immer geglaubt, dass uns die Linse schützt. Ein Irrtum“, stellt der 52-Jährige heute kettenrauchend (40 Zigaretten am Tag) auf dem Sofa der Lebensmittelausgabe, die der Verein „Bürger für Bürger“ in Duisburg-Rheinhausen betreibt, fest. Im ehemaligen Krupp-Konsum bekommen Hartz IV-Empfänger und andere Bedürftige für 30 Cent ein halbes belegtes Brötchen und für 1,50 Euro ein Mittagessen. Außerdem gibt’s Lebensmittel, die Karling bei Discountern sammelt.

Legaler Lebensunterhalt

Zu seinen Kunden gehören auch rund 60 Roma-Familien, die in den sogenannten Problemhäusern in Duisburg-Rheinhausen „In den Peschen“ und auf der Beguinenstraße leben. Eigentlich dürfte er ihnen kein Brot, Gemüse oder Früchte geben, denn die aus Bulgarien oder Rumänien stammenden Roma können ihre Bedürftigkeit nicht nachweisen. Sie bekommen weder Hartz IV noch dürfen sie eine Arbeit annehmen. Betteln, Schwarzarbeit und Schrott sammeln gehören zu den legaleren Mitteln, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Oft verdienen sie ihr Geld aber auch mit krimineller Energie. Häufige Delikte: Diebstahl und Betrug.

Die Polizei ermittelt derzeit gegen 2974 Tatverdächtige aus dem Umfeld der Roma-Häuser in Rheinhausen und Hochfeld. „Bevor sie den benachbarten Discounter komplett ausräumen, gebe ich ihnen lieber gleich etwas zu essen“, sagt Karling, fährt mit seinem umgebauten Ambulanzwagen an den Häusern vorbei und bringt Brot.

Allein Anspruch auf Kindergeld haben die Roma-Familien. Allerdings nur, wenn sie ein Gewerbe angemeldet haben. Kinder, die zwischen den Müllbergen, weggeworfenen Windeln, Glasscherben und Ratten auf den Hinterhöfen Fußball spielen, gibt es genug. Jede Familie, die in den durchschnittlich 60 Quadratmeter großen Wohnungen lebt, hat reichlich Nachwuchs. Wie viele Menschen hier leben, kann niemand ganz genau sagen.

Auch nicht, welche Familie wo lebt. „Da ziehen wieder welche um“, sagt Karling und deutet auf Kinder, die ihre Habseligkeiten - in Müllbeuteln verstaut - von einer Wohnung in die andere schleppen. Noch weniger steht fest, ob die Menschen, die bei der Kindergeldkasse in Krefeld unter den Rheinhauser Adressen gemeldet sind, sich tatsächlich dort auch aufhalten. „Wir versuchen, da Klarheit zu bekommen“, erklärt der 52-Jährige. Nicht zuletzt, um den Kindern einen Schulbesuch zu ermöglichen.

Klar ist nur eines: Ende des Monats wird die Miete bezahlt. Dafür sorgen die Männer, die der Besitzer Branko Barisic, dem übrigens auch Häuser auf der Duisburger Bordellmeile Vulkanstraße gehören, vorbeischickt. Der Geschäftsmann kassiert aber nicht nur ab, er hat Nebenräume einem Verein überlassen, der Bildungsangebote organisiert, lässt derzeit Brandschutztüren im Keller einbauen und leerstehende Wohnungen verschließen.

Kurzhaarschnitt und Kampfjacke

„Wir müssten rund die Hälfte der Wohnungen leerräumen, um hier erträgliche Verhältnisse herzustellen.“ Aussichtslos! „Da ist schon wieder eine Wohnung bezogen worden“, erklärt der Mann mit den kantigen Zügen und dem Kurzhaarschnitt, der ihm ebenso Autorität verleiht wie die Kampfjacke der niederländischen Armee, die er grundsätzlich bei seinen Besuchen „In den Peschen“ trägt. „Strategie“, verrät der 52-Jährige. „In den Heimatländern der Roma verheißt die Ankunft des Militärs nichts Gutes.“ Das macht er sich zunutze. Um zu helfen.

Dabei setzt er gelegentlich eigenmächtig Regeln außer Kraft. Als die Feuerwehr vom Vermieter aus Sicherheitsgründen „umfassende Baumschnittmaßnahmen“ forderte, krempelte Karling die Ärmel hoch, beschnitt die Sträucher und fällte in Zusammenarbeit mit den Bewohnern einen Baum. Ohne Genehmigung. Jetzt schaltete sich das Umweltamt ein und wirft ihm Ordnungswidrigkeiten vor: Es droht eine Geldbuße bis zu 50.000 Euro. „Die kann ich als Hartz IV-Empfänger auch locker bezahlen“, macht sich Karling lustig.

Ketchup-Anschlag auf Adolf Sauerland

Eigenmächtigkeit bis hin zur Anmaßung kennzeichnen auch sein Engagement für die Loveparade-Opfer und den Ketchup-Anschlag auf den damaligen Oberbürgermeister Adolf Sauerland. „Ich wollte ihn zwingen, dass er die 21 Toten endlich zur Kenntnis nimmt“, sagt er rückblickend, „es war das Dümmste, das ich in meinem Leben bisher getan habe.“ Dennoch hat er sich bisher nicht bei Sauerland entschuldigt. Warum? „Weil er vermutlich keinen Wert darauf legt“, ist Karling überzeugt. Gefragt hat ihn allerdings nie.

Zum Gutmenschen taugt Rolf Karling trotz seines Engagements kaum. Er macht sich auch wenig Illusionen über die Integrationsfähigkeit der Roma-Familien: „Die eine Hälfte will tatsächlich hier leben, die andere Hälfte ist einfach nur kriminell.“ Wie viele andere Rheinhauser fordert er die ständige Präsenz der Polizei und Ordnungsbehörden: „Die kommen nur, wenn Sie gerufen werden.“ Im ersten Halbjahr 2013 allein in Rheinhausen 449 Mal. Durchschnittlich 2,5mal pro Tag. Doch im Gegensatz zu anderen redet Karling nicht nur über die Roma in den Problemhäusern, er packt auch mit an.

 
 

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