Überwältigender Raum

Hajo Berns
Probenatmosphäre in der Gebläsehalle: Dr. Alfred Wendel, Lorin Maazel und Fritz Pleitgen.  Foto: Stephan Eickershoff/WAZFotoPool
Probenatmosphäre in der Gebläsehalle: Dr. Alfred Wendel, Lorin Maazel und Fritz Pleitgen. Foto: Stephan Eickershoff/WAZFotoPool
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Duisburg. „Für diesen überwältigenden Klang braucht man einen überwältigenden Raum“, brachte es Steven Sloane, Künstlerischer Direktor „Stadt der Künste“ bei Ruhr 2010, in der Kraftzentrale im Landschaftspark auf den Punkt .

In der Riesenhalle, die auch zeitlich wunderbar mit der Achten von Gustav Mahler korrespondiert: Sie wurde erbaut in den Jahren zwischen der Vollendung dieser gigantische Sinfonie 1906 und ihrer Uraufführung 1910.

Auf den Tag genau 100 Jahre ist es am Sonntag, 12. September, her, dass Mahler sein Werk in München herausbrachte. Das wird in Duisburg im Rahmen des Kulturhauptstadt-Projekts „!Sing“ gebührend gefeiert: mit einer Aufführung mit über 1300 Mitwirkenden, weit mehr noch, als dem Komponisten seinerzeit zur Verfügung standen. Fast 2700 Menschen, darunter Bundespräsident Christian Wulff, werden zuhören. Auch deutlich mehr als die etwa 2000 damals in München.

Sechs Revier-Orchester und 25 Revier-Chöre sorgen für eine stattliche Kulisse. Und das offenbar nicht nur optisch. Lorin Maazel, international gefeierter Pultstar, fand das Riesenensemble bei der ersten Probe jedenfalls „toll vorbereitet“ vor.

Aufführungen der „Sinfonie der Tausend“ (der Titel stammt nicht von Mahler) sind immer ein Großereignis der besonderen Art, wenn auch die Begeisterung keineswegs immer ungebrochen war. Die bekannteste Attacke stammt von Adorno, der das Werk als „symbolische Riesenschwarte“ in Verruf zu bringen suchte. „Vom ersten Orgelakkord an“ sei die Sinfonie „durchweht von den erhebenden Hochgefühlen der Sängerfeste“, so Adorno in seiner 1960 anlässlich des 100. Geburtstags des Komponisten erschienenen Monografie.

Der überwältigenden Wirkung der Klangwucht dürfte das keinen Abbruch tun. Vom Pfingsthymnus „Veni creator spiritus“ bis zur Schlussszene aus dem 2. Teil des Faust erlebt der Hörer, wie Mahler seiner „Vision einer besseren Welt“ Gestalt verleiht, wie Maazel sagte. Gerade im Goethe-Teil übrigens oft unter verblüffend sparsamem Einsatz des riesigen Apparats, der vielfach eher zu Klangfarbenreichtum als zu Dauer-Schalldruck genutzt wird.

Das Gratis-Beiprogramm beginnt in der Gebläsehalle um 15.30 Uhr mit der Podiumsdiskussion: Warum singt der Mensch? Zur Kultur und Kunst des Singens. Mit Steven Sloane, Patrick Hahn (Musikkritiker) und Norbert Abels (Publizist, Literaturdozent, Dramaturg). Moderation: Holger Noltze (Musikjournalist). Um 17 Uhr führt Jens-Malte Fischer in das Werk ein. Einlass fürs Konzert ab 16.30 Uhr. Es beginnt um 18 Uhr, einen „Nacheinlass“ wird es nicht geben. Wegen erhöhter Sicherheitsvorkehrungen Personalausweis mitbringen.