U-Bahn in Duisburg vor dem Aus - Das wären die Folgen

Ingo Blazejewski
63 Millionen Fahrgäste zählt die DVG im Jahr, die Hälfte davon ist auf den drei Bahnlinien unterwegs.
63 Millionen Fahrgäste zählt die DVG im Jahr, die Hälfte davon ist auf den drei Bahnlinien unterwegs.
Foto: DVG
Die Duisburger Verkehrsgesellschaft befördert jährlich 30 Millionen Fahrgäste, allein auf den U-Bahn- und Straßenbahnlinien. Allerdings könnte in Zukunft diese wichtige Verbindung durch die Tunnel wegfallen, weil der Sanierungsstau immens ist, es keine Rücklagen gibt und die Technik veraltet ist.

Duisburg. Die Duisburger Verkehrsgesellschaft (DVG) zählt im Jahr mehr als 63 Millionen Fahrgäste, die Hälfte davon auf den U-Bahn- und Straßenbahnlinien. Doch was würde eigentlich passieren, wenn sich die Stadt die teure Verbindung durch die Tunnel nicht mehr leisten könnte? Wenn die ohnehin überschuldete Kommune kein Geld mehr für die Instandhaltung und Sanierung hat? Wenn neue Auflagen an den Brandschutz plötzlich immense Investitionen nötig machen?

Unter den Aufsichtsräten der DVG kursiert derzeit ein internes Papier, das die Folgen und finanziellen Auswirkungen beleuchtet. Das Unternehmen hat unter anderem ausgerechnet, was es kosten würde, sich von der U-Bahn zu verabschieden und die unterirdischen Linien wieder an die Oberfläche zu verlegen. Es ist ein Papier mit düsteren Szenarien und horrenden Zahlen, die ab 200 Millionen Euro beginnen.

"Discos in U-Bahnröhren"

Bei einigen Aufsichtsräten dürfte es Schnappatmung ausgelöst, bei anderen die Vorstellungskraft gesprengt haben. „Der Rückbau wäre ein absoluter Witz und eine riesige Blamage“, sagt ein Aufsichtsmitglied unserer Redaktion und spottet: „Wir könnten dann Discos in den U-Bahnröhren veranstalten, das würde uns wieder bundesweite Schlagzeilen bringen.“

Doch der Abschied von der U-Bahn ist ein Szenario, das keineswegs aus der Luft gegriffen ist. Der Sanierungsstau ist immens, es gibt keine Rücklagen, die Technik ist in die Jahre gekommen. Das dringendste Problem: Die Zugsicherung für die Tunnelstrecke muss erneuert werden. Die Kosten dafür liegen bei mindestens 40 Millionen Euro. Politik und Verwaltung stehen bis November vor der Aufgabe, diese Summe für die nächsten Jahre im Haushalt unterzubringen, in dem ohnehin schon ein Millionen-Loch klafft.

Linien 901, 903 und U79 in Duisburg betroffen

Nichtsdestotrotz muss die Finanzierung der Zugsicherung im kommenden Jahr stehen. Nimmt die Stadt die neue Technik dann nicht in Angriff, müssen die Tunnel Ende 2024 stillgelegt werden. Das trifft die Linie 901, 903 und vor allem die U79, das Schienen-Flaggschiff der DVG, das mit täglich 64.000 Menschen mehr als ein Drittel aller Fahrgäste in Duisburg befördert.

Doch die Investition hatten Politik und Verwaltung schon im Vorjahr auf die lange Bank geschoben. Und die Chance verstreichen lassen, durch eine gemeinsame Ausschreibung mit Düsseldorf Kosten zu sparen. Jetzt muss sich die Stadt bis zur Haushaltsverabschiedung im November entscheiden, ob sie weiter eine U-Bahn haben will. Ansonsten bleiben ihr die auf der nächsten Seite genannten Alternativen.

Gleisverlegung über die Erde kostet hunderte Millionen 

Das wären die Alternativen:

1. Es fahren in der ganzen Stadt nur noch Linienbusse

Die Tunnel still zu legen wäre ein kostspieliges Unterfangen. Denn die immensen Fördergelder, die beim Bau verbuddelt wurden, müsste die Stadt zurückzahlen: Die Rede ist von rund 180 Millionen Euro. Zudem würde auch der Rückbau selbst rund 63 Millionen Euro verschlingen. Würden statt Bahnen nur noch Busse im Stadtgebiet fahren, müsste die DVG die Zahl der Fahrzeuge in ihrem Fuhrpark fast verdoppeln: 110 neue Busse wären nötig, dazu mehr als 300 Busfahrer.

Ein ÖPNV ohne Bahnen in einer Großstadt ist allerdings kaum denkbar, weil gerade die Bahnen die meisten Fahrgäste befördern können und auch weitaus schneller sind als Busse, die im Verkehr stecken. Die DVG rechnet damit, dass die Fahrgastzahlen um ein Drittel zurückgehen würden. Damit brechen auch die Einnahmen weg, der Verlust läge jedes Jahr um 30 Millionen Euro höher als heute.

2. Nur die Vorzeigelinie U79 bleibt erhalten - oberirdisch

Um wenigstens die Vorzeigelinie mit den meisten Fahrgästen und die Verbindung nach Düsseldorf zu erhalten, aber gleichzeitig auf die Tunnel zu verzichten, würde aus der U-Bahn auf Duisburger Gebiet eine reine Straßenbahn. Die U79 würde nur noch oberirdisch ab Hauptbahnhof fahren. Dennoch bleiben Rückbaukosten von 54 Millionen Euro und Fördermittel-Rückzahlungen von 165 Mio Euro. Um die anderen Bahnlinien im Stadtgebiet zu ersetzen, wären 100 zusätzliche Busse und 230 Fahrer nötig.

3. Alle Bahnen fahren nur noch oberirdisch

Würden die heute unter der Erde verlaufenden Strecken an die Oberfläche verlegt, müsste die Stadt rund 75 Millionen Euro an Fördermitteln zurückzahlen, der Rückbau der Tunnel würde 18 Millionen Euro kosten. Vor allem aber müsste erheblich investiert werden: Die Verlegung der Schienen über die Erde würde stolze 100 Millionen Euro kosten.

Allerdings würde für dieses Szenario die Zeit nicht mehr ausreichen: Bis zur Stilllegung der Tunnel, die ohne die neue Zugsicherung bekanntlich Ende 2024 droht, ließe sich die nötige Infrastruktur nicht mehr aufbauen — selbst wenn man heute mit der Planung beginnen würde.

4. Die Rheinbahn übernimmt den Betrieb der U79

Duisburg hat kein Geld, Düsseldorf schon: Die Rheinbahn könnte den Betrieb der U79 komplett übernehmen, erneuert dafür auch die Zugsicherung. Allerdings müssten entsprechende Verträge zügig geschlossen werden, damit rechtzeitig in die Technik investiert werden kann. Das Problem: Für die Rheinbahn und die Nachbarstadt wird es kaum einen Grund geben, die U79 zu übernehmen. Denn mit dem ÖPNV lässt sich kein Geld verdienen, es ist als kommunale Daseinsfürsorge ein reines Verlustgeschäft.