Training für den totalen Stromausfall

Dr. Ing. Carsten Roggatz in einem der Trainingsräume von DUtrain. Hier werden Stromausfälle simuliert.
Dr. Ing. Carsten Roggatz in einem der Trainingsräume von DUtrain. Hier werden Stromausfälle simuliert.
Foto: WAZ FotoPool
Anfangs war es ein Forschungsprojekt der Universität Duisburg-Essen. Heute können Netzbetreiber und Kraftwerker aus ganz Europa bei DUtrain in Duisburg mit einem Simulator den Ernstfall proben bei Blackouts - Stromausfällen.

Duisburg. Zuletzt war München im November 2012 betroffen. Früh morgens war plötzlich alles stromlos: Bahnen, Aufzüge, Beatmungsgeräte. Eine Stunde lang, dann hatten die Netzwerktechniker die Versorgung wieder hergestellt.

An Stromausfälle, gar komplette Blackouts, denkt man hierzulande selten, der Strom kommt aus der Steckdose. Und trotzdem proben jedes Jahr in über 100 Trainingsrunden über 1200 Betriebsführer aus ganz Europa in Duisburg den Umgang mit Störfällen.

Armdicke Kabelstränge

„DUTrain“, das „Independent Training & Service Centre for Power System Control“ liegt im Gewerbepark Asterlagen in Rheinhausen. Die Konferenzräume sehen ein bisschen aus wie bei der Nasa: Mit vier großen Bildschirmen pro Arbeitsplatz, armdicken Kabelsträngen unter den Tischen und Netz-Abbildungen, die für den Laien auch Strickanleitungen sein könnten.

Professor Dieter Humpe vom Lehrstuhl für Elektrische Anlagen und Netze, inzwischen emeritiert, entwickelte in den 90er Jahren an der Universität Duisburg-Essen einen Trainingssimulator, mit dem sich viele Studierende in Diplom- und Doktorarbeiten auseinandersetzten. Erste Probanden für ein Training kamen dann aus den Niederlanden, denn in Deutschland glaubte man noch lange, dass auf die Steckdose Verlass ist. Das hat sich geändert. Aus dem Forschungsprojekt wurde eine GmbH - und: „Die Netze werden heute stärker an ihren Grenzen betrieben, Sicherheits-Margen wie vor 20 Jahren gelten nicht mehr“, erzählt Prokurist Dr. Carsten Roggatz. „Beinahe-Störungen häufen sich.“

DUtrain wächst kontinuierlich

DUtrain wächst kontinuierlich, die Workshops sind heute multinational, denn das kontinental-europäische Stromnetz reicht von Portugal bis Polen und von Dänemark bis Italien mit den entsprechend durchgereichten Problemen. Es geht dabei nicht nur um technische Lösungen, sondern auch um Kommunikation. „Der Begriff Blackout ist nicht definiert“, erklärt Carsten Roggatz. Da braucht es differenzierteres Vokabular. Für die Trainings programmiert DUtrain zuvor das Netz detailgetreu, inklusive Störungen. Von hektischer Betriebsamkeit sei dann aber nichts zu spüren, so Roggatz. „Die Betriebsführer sind ein ganz spezieller Menschenschlag, die haben die Ruhe weg, von denen kann man eine Menge lernen.“ Panik komme eher über Krisenstäbe herein, mit denen die Kommunikation nach außen geprobt wird.

Hand aufs Herz, Herr Roggatz, wie beunruhigend ist der tägliche Umgang mit simulierten Katastrophen, haben sie ein Notstromaggregat im Keller? „Nein, das Vertrauen in die Netzbetreiber ist groß genug.“

Kunst der System-Balance

Die Liberalisierung des Stromnetzes 1998 hat nach Ansicht von Carsten Roggatz vieles verändert: „Damals war alles in technischer Hand und Versorgungssicherheit das höchste Gut.“ Netzbetreiber und Kraftwerke seien komplett auseinandergesägt worden. Dabei gilt bis heute das DUtrain-Mantra: „Ein Netz ohne Kraftwerk macht genauso wenig Sinn wie ein Kraftwerk ohne Netz.“ Heute bewege man sich im Spannungsfeld - ausgerechnet - zwischen Sicherheit und Kosten.

Die hohe Kunst der System-Balance funktioniert nach dem E1-Prinzip: Das Netz bleibt stabil, wenn eine Sache ausfällt. DUtrain probt, was passiert, wenn zwei oder mehr Ereignisse zufällig zugleich passieren. Was in Zeiten Erneuerbarer Energien und transeuropäischer Handel wahrscheinlicher wird. Der Kraftwerkseinsatz, so Roggatz, wird ein Jahr im Voraus geplant und berücksichtigt dabei Prognosen, wie viel die Verbraucher wann abnehmen und auch, wie viel Wind- und Sonnenenergie eingespeist wird. Hellseherei gepaart mit Statistik.

 
 

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