Wie man zum Krieger für Bäume wird

Sabine Merkelt-Rahm
Den Geist des Baumes spüren: Viele der Teilnehmer wollten den echten Indianer Henry Red Cloud kennenlernen.
Den Geist des Baumes spüren: Viele der Teilnehmer wollten den echten Indianer Henry Red Cloud kennenlernen.
Foto: Michael Dahlke
Der Indianer Henry Red Cloud aus South Dakota machte Station in Duisburg.Während der Führung gab es Räucherrituale und spannende Geschichten

Großenbaum.  Über aufgeweichte Waldpfade am Wildförstersee stapft am Freitagmorgen eine zwanzigköpfige Gruppe von Menschen, die den Indianer in sich suchen oder ihn schon gefunden haben. „Hier ist ein guter Platz für das Räucherritual“, findet Petra Reif, die Baumschützerin aus Großenbaum, die auch Kräuterkurse und Runen-Seminare gibt. Henry Red Cloud, der aus dem Pine Ridge Reservat der Lakota in South Dakota kommt, ist schon der zweite Indianer, den Reif zu einem Waldspaziergang nach Duisburg gelockt hat.

Der Ur-Urgroßvater war Kriegshäuptling Red Cloud

Vor sechs Jahren folgte „He-who-knows“ ihrem Ruf und stellte den Wald unter den Schutz seines Ahnen, des großen Häuptlings Sitting Bull. Nun macht Henry Red Cloud in Begleitung von Medicine-Turtle-Cherokee (halb irisch und halb Cherokee) auf seiner sechsten Deutschlandtournee an derselben Stelle Station. Und wie der Zufall es will, beruft auch er sich auf einen berühmten Ahnen, seinen Ur-Urgroßvater, den Kriegshäuptling Red Cloud, der den Weißen damals in den Indianerkriegen manche Nuss zu knacken gegeben hat.

Henry nickt Sun-Turtle-Woman, seiner Übersetzerin, zu, und sie öffnet die Tasche mit den Zutaten. „Ich verbrenne hier Zeder, Süßgras und Salbei aus dem Reservat zusammen mit Cherokee-Tabak“, sagt sie. Auf dem Tabakpäckchen ist tatsächlich ein Indianer in vollem Federschmuck zu sehen, darunter steht auf Deutsch: „Rauchen kann Ihrer Gesundheit erheblichen Schaden zufügen.“ Sun-Turtle-Woman, die Oberschwäbisch spricht, bläst in die Räucherpfanne und hüllt eine nach der anderen Teilnehmerin des Rituals in beißenden Rauch. Die Wirkung ist unterschiedlich, die einen scheinen die Energie zu spüren, die anderen müssen husten. Henry Red Cloud spricht, seine Botschaften klingen simpel: „Kehrt zurück auf den grünen Weg. Pflanzt mehr kleine Babybäume. Der Wald hält das Wasser fest und filtert die Luft. Ihr alle seid jetzt Krieger für die Bäume, kämpft für ihre Erhaltung, wenn der Wald stirbt, sterben wir auch.“

Alle zusammen singen ein altes Lakota-Lied, und Burkhard Wruck ist ein bisschen traurig, weil das Fell seiner selbstbespannten Trommel so nass ist, dass sie nur dumpfe Töne von sich gibt. Wruck steckte sich mit dem Indianerfieber auf die klassisch-deutsche Weise an, er las Karl-May-Bücher. Die Faszination blieb auch, als er erwachsen wurde. Er hat sich bei mehreren Reisen nach „Native America“ echte Eindrücke davon geholt, wie indianisches Leben in den Reservaten heute aussieht und war auch in Pine Ridge, wo viele Haushalte ohne Stromanschluss sind und auf 30 000 Einwohner nur ein einziges Lebensmittelgeschäft kommt.

Erfüllte Herzenswünsche

Kirsten Spielmann interessiert sich ebenfalls schon lange für die indigenen Völker, allerdings ohne den Umweg über Winnetou. „Ich bin Jüdin, vielleicht liegt mir der Schutz von Minderheiten deshalb besonders am Herzen“, sagt sie nachdenklich. Sie kann Räucherrituale und andere naturreligiöse Praktiken aber nicht ungeteilt genießen. „Als Jüdin sitzt mir immer im Nacken, dass der Herr ein eifersüchtiger Gott ist, der keine anderen Götter neben sich duldet“, sagt sie. Vor Jahren hat sie ein Buch über die Lakota gelesen, seither war es ihr ein Herzenswunsch, Henry Red Cloud persönlich kennen zu lernen. Der ist heute in Erfüllung gegangen.

Für Petra Reif zählen nur die Bäume. Während die indianischen Gäste noch ein paar Bücher und Silberschmuck-Souvenirs aus dem Kofferraum zum Verkauf anbieten, sagt sie: „Gerade den Duisburger Bürgern muss man immer wieder sagen, dass sie auf ihre Bäume aufpassen sollen. Wo hier inzwischen einfach alte Alleen abgeholzt werden dürfen, da wird jeder Baumkrieger gebraucht, der bereit ist, dagegen zu kämpfen.“

Dann muss sie „Auf Wiedersehen“ sagen, die Indianer wollen weiter. Sie haben noch einen Termin mit einem wilden Stamm in Gummersbach.